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sich vor einem Menschenalter nur in gewissen Gesellschaftsklassen
bemerkbar machte. Man benötigte eine ungemein große Anzahl von
Beobachtungen, um alle wirkenden Ursachen zum Ausdruck bringen
zu können. Die Interpolationsrechnung kann uns also nicht in den
Stand setzen, Vergangenheit und Zukunft mit derselben Sicherheit
zu berechnen wie z. B. die Astronomie auf ihrem Gebiet vermag.
Sie kann uns z. B. nicht die Kunst lehren, aus der ersten Wirkung
einer neuen Staatsverfassung, eines Krieges, einer Epidemie oder
yewisser hygienischer Fortschritte etwas hinsichtlich der Größe der
Auswanderung während der folgenden Jahrzehnte zu schließen. In
der Regel ist die Übereinstimmung zwischen der Bewegung in der
Bevölkerung und einer mathematischen Funktion rein zufällig, und
je ferner die Vergangenheit oder Zukunft liegt, auf die man
schließen muß, desto größeren Fehlern ist man ausgesetzt. Es sei
daher wie oben ($ 211) davon abgeraten, eine allzu lange Strecke
zur Interpolation zu benutzen. Im allgemeinen wird man dazu ge-
nötigt sein, von Beobachtungen über dicht aufeinander fol-
gende Werte der unabhängig Variablen (z. B. der Zeit) mit Hilfe
der Interpolation auf Werte der Funktion zu schließen, welche
innerhalb des betreffenden kurzen Intervalls liegt.
Man kann nämlich damit rechnen, daß ungefähr dieselben Verhält-
nisse einen kurzen Zeitraum, wenn auch mit verschiedener Kraft,
beherrschen werden, während man sich bei der Benutzung von weit
auseinander liegenden Beobachtungen dem aussetzt, daß sich sehr
verschiedenartige Einflüsse geltend machen, welche nur auf vielen
Umwegen miteinander in Verbindung gebracht werden können, und
welche weit mehr Beobachtungen, als man gewöhnlich zur Ver-
fügung hat, erfordern würden.
Da eine genaue Beobachtung selbst durch die beste Hypothese
nicht ersetzt werden kann, könnte man auch hier fragen, ob es nicht
möglich wäre, unmittelbar durch Beobachtung sämtliche benötigte
Zahlen zu beschaffen. In der Praxis wird sich jedoch eine Vervoll-
ständigung des Materials auf dem Wege der Beobachtung selten
lurchführen lassen. Eine versäumte Zählung läßt sich später nicht
mehr nachholen, und wenn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
aur wenige Volkszählungen vorgenommen wurden, so wird es bei
manchen Untersuchungen notwendig sein, sich auf bestmögliche
Weise zu helfen. Und was die Gegenwart anbetrifft, so wird man
aus praktischen Gründen genötigt sein, auf viele Zählungen, deren
Durchführung an und für sich wünschenswert wäre. zu verzichten.