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Die Systeme lassen sich auch schwerlich mittels der Statistik über
die Geschlechtskrankheiten der Prostituierten beurteilen. Wenn die regel-
mäßigen Untersuchungen verhältnismäßig seltener Geschlechtskrank-
heiten bei den Kontrollmädchen nachweisen, während bei sporadischen
Untersuchungen von nicht registrierten Dirnen dagegen häufig solche
Krankheiten entdeckt werden, dann ist zu guter Letzt die Frage, ob
eine Hure der einen oder der andern Art die zahlreichste Geschlechts-
gemeinschaft gehabt und daher die meisten Ansteckungen verursacht
hat. Und da die heimliche Prostitution wohl überall eine erhebliche
Rolle spielt, selbst da, wo das strengste Kontrollsystem gehandhabt
wird, so dürfte es sogar dem gewissenhaftesten Medizinalstatistiker
nur schwerlich gelingen, die Vorzüge des einen Systems vor dem
andern nachzuweisen. Nur zu dem Schluß scheint man berechtigt
zu sein, daß man nicht über ein Universalmittel verfügt, das auf
einmal die Häufigkeit derartiger Krankheiten nennenswert beschränken
kann, wie es z. B. hinsichtlich der Impfung gegen die Pocken der
Fall war. Zum zuverlässigsten Ergebnis würde man gelangen, wenn
sich, unter genauer Beobachtung aller Nebenumstände, gründliche
Einzeluntersuchungen für einzelne Städte durchführen ließen. Wie
so oft in der Statistik, so wird auch hier ein kleines, völlig klares
Material einem umfangreichen, aber gleichzeitig unklaren bei weitem
vorzuziehen sein. Obiges Beispiel zeigt in aller Schärfe, welch
große Schwierigkeiten die statistische Forschung zu überwinden hat,
bevor ihr die rechte Deutung der Zahlen gelungen ist.
389. Bei dem Versuch, derartige Schwierigkeiten zu überwinden,
gilt es also, möglichst viele störenden Ursachen auszuscheiden. Am
besten wäre es, wenn man die Untersuchung rein individuell durch-
führen könnte, so wie man in der Chemie die Verbindung der Stoffe
unter ganz bestimmten Verhältnissen untersucht und jedesmal genau
dieselbe Verbindung mit ganz gleichen Eigenschaften erhält. Gerade
weil nicht Individualuntersuchungen, sondern Massenbeobachtungen
vorliegen, entstehen zahlreiche Schwierigkeiten. Wir haben allerdings
gesehen, daß weitaus die meisten Ursachen als „zufällig“ aufgefaßt
werden können, da ihre Gesamtwirkung minimal ist. Es ist dann
die Aufgabe des Statistikers, diesen „zufälligen“ Ursachen möglichst
auf die Spur zu kommen; doch auch hier wird er, wie nachgewiesen, oft
großen Schwierigkeiten begegnen. Man begnügt sich vielleicht mit irgend-
einer Annäherung an die Binomialformel; hinter dieser Approximation
aber liegt häufig eine Menge anderer Ursachen, die sich viel-
leicht ausscheiden lassen. Dies gilt z. B., wenn man in der Anthro-