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392. Wie aus der Geschichte der Statistik erhellt, gab es eine
Zeit, wo man der Statistik einen Ehrenplatz unter den Wissenschaften
anweisen wollte. Wie Lavoisier behaupten konnte, daß wenn
bloß einige statistische Tatsachen vorlägen, mit einem Schlage
tiefgehende sozialökonomische Probleme gelöst sein würden, so meinte
ein Menschenalter später Quetelet, daß die Statistik für Kunst und
Sozialpolitik, ja sogar für die Philosophie von entscheidender Bedeutung
wäre. Und viele Statistiker träumten von einfachen Formeln, die
auf einmal sowohl anscheinend verwickelte statistische Verhältnisse
als auch ewige Naturgesetze ausdrücken sollten. Diese Zeit ist
längst dahin, und nach ihr folgte eine Reaktion, die rücksichtslos
jegliche statistische Untersuchung anzweifelte. Man wollte jetzt in
der Statistik kaum etwas anderes als ein Mittel zur Verschleierung
der Wahrheit sehen. Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Noch
aber wurzelt die kritische Auffassung überall tief. In Wirklichkeit
jedoch tut man gut daran, diese aus den Übertreibungen einer ver-
schwundenen Zeit entstandene Kritik als eine besonders große Wohl-
tat aufzufassen. Zahlenaberglaube, aber auch Zahlenverachtung
gehören jetzt der Vergangenheit an. Die Kritik hat die Statistik
wieder auf das Gebiet verwiesen, wo sie unter zielbewußter Arbeit
ein Zahlenmaterial erheben, das sich nicht als tendenziös angreifen
läßt, und Schlüsse ziehen kann, die von allen Seiten als die einzig
möglichen anerkannt werden.
Darf die Statistik zwar nicht als Königin der Wissenschaften
bezeichnet werden, so kann sie doch einen wichtigen Platz als Ver-
treterin der Einheitsbestrebungen des menschlichen Gedankens
behaupten. Und die hier gemachten Bemerkungen dürften jedenfalls
zeigen, daß die Statistik zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein gutes
Horoskop hat, und sie zeigen ebenfalls, daß die Arbeit der Statistiker
im Laufe der Jahrhunderte nicht vergebens war. Das Ziel der
Wissenschaft besteht nicht zum mindesten darin, neue Aufgaben, die
eine Lösung erfordern, zu suchen.