zuwachs, die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit haben zuweilen im Ausland
eine zu pessimistische Beurteilung dieses Landes zur Folge. Man hört nicht
selten in England, Deutschland und Italien von Frankreich als von einem
dekadenten und politisch siechen Lande sprechen. Ausländer beurteilen Frank-
reich oft nach ein paar Äußerungen des Pariser Lebens und Paris nach den
von Fremden am meisten besuchten Arrondissements. Sie begehen damit einen
groben Irrtum. Frankreich ist nicht nur ein innerlich gesundes Land, son-
dern es hat auch wunderbare Hilfsquellen. Es ist ein produktives Land mit
vorzüglichen Arbeitskräften und großen Überschüssen. Wenn es auch in
seiner Nachkriegspolitik gefehlt hat und unnötige und zu schwerwiegende
Aufgaben auf sich genommen hat, verfügt es doch über solche Kräfte, daß es
weit größeren Schwierigkeiten als den jetzigen widerstehen könnte. Der Ge-
burtenrückgang, den die Statistiker Oliganthropie nennen, ist die Folge der
Ausbreitung des Wohlstands, der Neigung zum Sparen und Zusammenhalten.
Er bezeichnet keinerlei Abnahme der Volkskraft und noch weniger eine Er-
krankung der Rasse. Dies wird durch die gleichen Erscheinungen in dem
wohlhabendsten Teil der Vereinigten Staaten Amerikas, wie in Australien und
allen Ländern, wo Reichtum und Zivilisation herrschen, vollauf bestätigt. In
Italien selbst weisen die Provinzen, die wie Piemont und Ligurien einen be-
stimmten Grad von Wohlstand erlangt haben, die gleiche Geburtenziffer wie
Frankreich auf, zuweilen sogar eine geringere. Gewiß, wenn Frankreich
mit Deutschland und Großbritannien in dauerndem Krieg stünde, würde
dieser Stillstand der Geburten mit der Zeit eine Gefahr bedeuten. Aber die
Fortdauer des Hasses und der heutigen Trennung würde Deutschland und
Großbritannien noch früher als Frankreich Unheil bringen. Daher müßte
die gesamte erleuchtete Demokratie Europas nun, da die Tollheiten der Nach-
kriegszeit vorüber sind, nach einer menschlicheren Form des Zusammen-
lebens und statt der heutigen Vernichtungspolitik nach Werken der Gesittung
und einer das Leben fördernden Politik trachten. Wir müssen Frankreich
immer als ein politisch und sozial unentbehrliches Element Gesamteuropas
betrachten und ebenso als einen mächtigen Organismus, der den heutigen
Schwierigkeiten sicher nicht erliegen wird.
Vom menschlichen Gesichtspunkt aus ist es gewiß ungerecht, daß zwei
große und dichtbevölkerte Länder des europäischen Festlandes, Deutschland
und Italien, entweder keine oder ganz unbeträchtliche Kolonien haben. Das
Problem ist aber nicht, die Kolonialländer ihrer Territorien zu berauben,
Sondern mit ihnen die völlig gleichen Bedingungen auf ihren Kolonialge-
bieten zu genießen. Ehe das Mißtrauen entstand, fanden die Italiener im
Bolschewismus
A.Q