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nahm, und Männer wie Frauen allgemein den Webstuhl handhabten,
ım den Bedarf an Kleidungsstücken vollständig zu decken, Noch im
Beginne des 19. Jahrhunderts wurde die Bekleidung der Kinder eines
Gutsbesitzers, das Tisch- und Bettzeug durch häusliche Arbeit beschafft,
indem das ganze Gespinnst und Gewebe auf dem Gute selbst oder im
Dorfe hergestellt und nur das Färben einem städtischen Handwerker
überlassen wurde, während die Anfertigung der Kleider natürlich
wiederum in dem H@tıse selbst geschah. Nicht nur auf dem Lande,
sondern auch in den Bürgerfamilien der Städte war es am Anfang des
letzten Jahrhunderts noch ganz allgemein, dass das ganze gebrauchte
Brot im Hause hergestellt, nur hie und da das Backen, wie es noch
jetzt mitunter bei den Kuchen geschieht, dem Bäcker übertragen wurde.
Das Schlachten geschah auf dem Lande gewöhnlich durch den Schäfer, die
ganze Verarbeitung allein von dem Hauspersonal, und auch in den
Städten war es wenigstens zu gewissen Jahreszeiten gebräuchlich, dass
ein Schwein, Gänse u. s. w. im Hause selbst geschlachtet wurden.
Auch die Seifenfabrikation, das Ziehen der Talglichte, die Herstellung
von Syrupen und Murmeladen, gehörten zu den häuslichen Aufgaben.
In den Gutswirtschaften wurde das Leder gefallener oder geschlachteter
Tiere an Ort und Stelle gegerbt und ausgedreht und daraus durch den
hinzugezogenen Riemer das nötige Sielenzeug angefertigt, das jetzt
meist aus einem städtischen Grossbetrieb fertig bezogen wird, wie
das Brot und Fleisch von dem städtischen Handwerker.
Hieraus ergiebt sich, dass sowohl der Jändlichen Bevölkerung, Entwickelung
namentlich für die Winterabende, aber auch den städtischen Familien der Frauen-
eine Menge häuslicher Beschäftigungen genommen und von dem Gross- frage.
betriebe übernommen sind, wofür bisher ein Ersatz allgemeiner nicht
beschafft werden konnte. Die Folge davon ist, dass die Mädchen der
unteren Klassen immer allgemeiner Beschäftigung in den Fabriken
suchen, während es in dem mittleren Bürgerstande den Mädchen an
einem angemessenen Wirkungskreise fehlt, und um so mehr, je höher
ihre Bildung ist. Eben darum hat sich in der neueren Zeit eine Frauen-
frage herausgebildet, die man nur richtig verstehen kann, wenn man diese
Momente in das Auge fasst. Wo mehrere Töchter im Hause sind,
Ja fehlt es. an einem ausreichenden Wirkungskreise für sie. Im
Hause selbst sind nur die gewöhnlichsten Dienste zu verrichten, die
jeder Dienstbote übernehmen kann, und wo ein solcher gehalten wird,
bleibt für die übrigen Personen im Hause wenig zu thun übrig. Daher
verlieren sich die Einen in leerem Tand, Andere in der Romanlektüre,
während die Tüchtigeren gerade danach streben, sich ausser dem Hause
einen Wirkungskreis zu schaffen, der für sie in demselben nicht mehr
zu finden ist. Ein solches Streben hat daher seine vollständige Be-
rechtigung und ist durch die Entwickelung der wirtschaftlichen Ver-
hältnisse mit zwingender Gewalt herbeigeführt. Es ist deshalb unum-
yänglich notwendig, hier den Frauen neue Bahnen zu befriedigender
Thätigkeit zu schaffen und ihnen Gebiete einzuräumen, die bisher von
den Männern allein occupiert waren. Dieses allein aus Furcht vor Kon-
kurrenz zu verwerfen, oder aus dem Bedenken, den weiblichen Sinn zu
anterdrücken, ist unbedingt nicht gerechtfertigt. Nur ist es die Auf- wn\SE,
gyabe, das Grundprinzip der Arbeitsteilung aufrecht zu erhalten unc © 04
den Frauen nur diejenigen Berufszweige zu eröffnen. für welche si Uni . Yo
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