Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
meint. Er dachte dabei an keinerlei geheimnisvolle Substanz oder über- 
haupt ein Wesen außerhalb der einzelnen und unabhängig von ihnen, 
sondern lediglich an eine übereinstimmende (genauer gesagt: gemein- 
schaftliche) Willensrichtung innerhalb. der Gruppe — also an das, was 
wir hier als Gruppenbewußtsein bezeichnen. 
Der Begriff der Gruppenangelegenheit ist für uns, wie kaum aus- 
Jrücklich bemerkt werden braucht, nicht durch objektive Kriterien, son- 
lern durch Erlebnisqualitäten bestimmt. Ein Gegenstand wird also in 
unserem Sinne nicht dadurch zur Gruppenangelegenheit, daß er etwa 
vom Standpunkte eines objektiv urteilenden Zuschauers aus eine gewisse 
Wichtigkeit für die Gruppe besigt. Gruppenangelegenheiten sind viel- 
mehr für uns solche Angelegenheiten, die die Gruppenmitglieder als An- 
gelegenheiten der Gruppe erleben, d. h. also als „unsere“ (oder „meine‘“‘) 
Angelegenheiten erleben, indem ihr Ich die Gruppe mit umschließt 
$ 19,,). Als Subjekt der Gruppenangelegenheiten wird demgemäß die 
ruppe („wir“) erlebt. In einem entsprechenden Sinn sprechen wir auch 
von einem Gruppenwillen: die Gruppengenossen verfolgen ein Ziel, in- 
lem sie sich dabei als Gruppe fühlen. Dabei ist freilich zu unterscheiden 
zwischen dem eigentlichen Träger und dem Organ dieses Willens. In 
allen umfassenderen Gruppen werden die Gruppenangelegenheiten aus- 
geführt von einem kleineren Kreise von beauftragten Personen, die da- 
bei die Gruppe vertreten. Mit den Begriffen „Auftrag“ und „Vertre- 
tung“ sind dabei wiederum spezifische, legte Tatbestände gemeint, also 
soziale Kategorien bezeichnet. — Ähnlich ist der Begriff der Gruppen- 
anschauungen zu bestimmen, die sowohl theoretische Überzeugungen wie 
Wertüberzeugungen in sich umfassen. Sie sind wohl zu unterscheiden 
von den kollektiven Anschauungen der Gruppenmitglieder. Von den 
jebßteren ist auch dann zu reden, wenn alle Mitglieder der Gruppe sich zu 
derselben Überzeugung bekennen, falls deren Inhalt dabei nicht als eine 
Angelegenheit der Gruppe aufgefaßt wird (d. h. falls sie nicht von der 
Lebensordnung der Gruppe gefordert ist. also zu ihrem „Bekenntnis- 
schaB‘ ($ 33,2) gehört). 
Unter dem Gruppenbewußtsein ist hier ebenso wie unter den Gruppenangele- 
zenheiten eine bestimmte Erlebnisqualität verstanden. Es sei darauf ausdrücklich hin- 
zewiesen, weil es auch einen anderen Sprachgebrauch gibt, der das Wort in einem 
zenetischen Sinn gebraucht: unter dem Gruppenbewußtsein versteht er gewisse Be- 
wußtseinsinhalte, die nicht im Individuum, sondern in der Gruppe entsprungen sind. 
In einem ähnlichen Sinne wird auch der Begriff „Kollektivbewußtsein‘“ verwendet. 
So versteht bekanntlich L6övy-Brühl unter Kollektivvorstellungen der Naturvölker 
solche Anschauungen (besonders von weltanschaulichem Charakter), die der Einzelne 
von seiner Umwelt empfängt. Unsere Darstellung dagegen wird im Folgenden unter 
diesem Wort Bewußtseinsinhalte verstehen, bei deren Erleben ein Zusammenspiel zwi- 
schen verschiedenen Individuen in irgendeiner Form stattfindet.
	        
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