IV. Das Jch als Masssenteilchen
Kein wahlmündiges und steuerpflichtiges Ich vermag heute die
Zeitung auf die Dauer mehr zu entbehren. Könnte man eine
Statistik darüber aufmachen, wieviel Menschen in Deutschland seit
ihrer Schulzeit den Faust nicht mehr gelesen haben, dagegen täglich
die Zeitung lesen, und wieviele keine Zeitung lesen, dagegen jährlich
einmal den Faust aufschlagen + die Zahlen würden mit erdrückender
Wucht in die Wagschale der Zeitung fallen. Aber worin das Wesen
der Zeitung eigentlich zu suchen ist und was als notwendig dazu
gehört, darüber herrscht auch unter leidenschaftlichen Zeitungslesern
eine betrübliche Unklarheit. Welches zeitunglesende Ich wäre bei-
spielsweise so vermessen, sich selbst als unentbehrlichen Bestandteil
mit dazu zu rechnen? Und doch ist es offenbar so: nur um des
zeitunglesenden Ichs willen ist die Zeitung da. Sie ist die Nähr-
mutter, die ihm zubereitet, was es an geistiger Nahrung aufzu-
nehmen, neben Arbeit und Vergnügen noch imstand ist. Sie
denkt ihm die Gedanken vor, die es sich über öffentliche Angelegen-
heiten glaubt machen zu müssen. Sie liefert ihm den Stoff, den
es braucht, um bei öffentlichen Erörterungen mitreden zu können.
Sie sagt ihm, wen es zu wählen, auf welches Pferd es zu setzen,
was es von der neuesten Operette zu halten hat. Kurz, sie leistet
die ganze Geistesarbeit, die das Ich, wenn es nicht Massenteilchen
wäre, mühsam selbst zu leisten hätte. Indem sie also die lesenden
Masssenteilchen Ich zur locker gefügten, aber doch bis zu einem
gewissen Grad einheitlich gerichteten Masse einer Zeitungleserschaft
zusammenhält, erfüllt die Zeitung ihren Daseinszweck. Mit Recht
„ebt‘“ daher die Zeitung von dieser ihrer Leserschaft. Und solange
sie von nichts anderem lebt, gilt sie mit Recht als „unabhängiges
Organ“.
Einen Teil ihres Unterhalls ~ und in der Regel nicht den
kleinsten ~ zieht die Zeitung daraus, daß sie größere oder kleinere
Parzellen ihres verfügbaren Raumes gewissermaßen vermietet, und
zwar an „,,Interessenten“’, die der Leserschaft etwas mitzuteilen
haben. Dafür, daß dieser Raum, einmal oder öfter, gemäß den
Wünschen des Interessenten bedruckt werde, erhebt die Zeitung eine
bestimmte Gebühr, die Anzeigengebühr. Natürlich ergeben sich aus
der einfachen Tatsache, daß die Zeitung die Einnahmen aus An-
zeigen nicht entbehren kann, gewisse Abhängigkeiten, die sich aber
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