Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 109 
der Typen, sondern auch der Schemata ergeben, und die Sinn⸗ 
figuren konnten überhaupt nur noch unter ganz besonderen 
Umständen mitspielen. 
In der Tat finden sich nun im 16. Jahrhundert deutliche 
Spuren zunehmend feinerer Motivierung. Hans Sachs z. B. 
hat namentlich die ernsten Charaktere genauer durchgebildet; 
und steckt die Kunst der vollen Erfassung des Persönlichen auch 
bei ihm noch in den Kinderschuhen, es sei denn, daß er seinen 
Figuren den eigenen Charakter des Behaglichen und Liebens⸗ 
werten mitgeben könne, so hält er doch wenigstens auf eine 
gewisse äußerliche Begründung der Handlungen seiner Personen; 
sie verlassen z. B. nicht gern ohne Angabe eines Grundes die 
Buhne. Und jedenfalls war die dramatische Kunst mit dem 
Bestreben zur Fortbildung der Motivierung auf dem rechten 
Wege zu einer höheren Stufe. 
Aber ließ sich diese Stufe im individualistischen Zeitalter 
voll erreichen? Wirkliche Motivierung der Handlungen ist nur 
denkbar bei Annahme eingehendster gegenseitiger Beeinflussung 
der handelnden Personen. Gerade diese Annahme aber schloß 
der Intellektualismus des Zeitalters eigentlich aus: er kannte 
den Menschen nicht als soziales Wesen, er stellte ihn nur dem 
Absoluten, dem Schicksal gegenüber. Und so war es denn 
nicht möglich, im Drama denjenigen Begriff voll durchzubilden, 
der erst die vollste Motivation ermöglicht und zugleich erheischt 
hätte: den Begriff der Schuld. Das Drama der individua⸗— 
listischen Zeit kennt darum noch nicht den Helden, der, in 
tausend seine Schuld einschließende Beziehungen zu den Mit—⸗ 
handelnden verflochten, einem selbstgeschaffenen Schicksal ent— 
gegengeht und es vollendet. In ihm steht vielmehr der Held 
noch isoliert der Schicksalsmacht als einem Objektiven, einem 
Fatum gegenüber. Damit kann denn auch das Erschütternde 
des Dramas nicht im Mitbewußtsein der Schuld oder sonst 
einem subjektiven Gefühl des Zuschauers gesucht werden, son— 
dern nur in der Trauer, dem Erstaunen über das objektiv 
Ungeheure der Vorgänge. Und hiermit wiederum wird die 
Aufgabe des Dramatikers nicht in die tiefere Motivierung sub⸗
	        
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