756 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
forderte. Am Ende lief unter diesen Umständen die Sorge
für die ersten Erfordernisse des Gesamtstaates doch wieder, wie
in allen anderen deutschen Ländern, auf einen Kampf gegen
die Stände hinaus.
Auf diesem Gebiete aber hatte es die Kaiserin allerdings
leichter zu siegen, wie seinerzeit in Preußen etwa der Große
Kurfürst oder selbst auch noch Friedrich Wilhelm J. Die all—
gemeine Staatsanschauung eines vollkommenen Absolutismus
hatte inzwischen Fortschritte gemacht; die leise aufdämmernde
öffentliche Meinung des Bürgertums erwartete mehr von der
Milde und dem Pflichtgefühl der Fürsten als von den ver—
alteten Willensäußerungen der Stände; und diese selbst waren
in nicht wenigen Ländern schon so gut wie ihrer Rechte
beraubt: eine Erscheinung, die nicht geeignet war, ihre Kraft
und ihr Ansehen da, wo sie noch bestanden, zu heben. So
hat denn Maria Theresia zwar noch den Widerstand einzelner
Stände und Interessengruppen in diesen gefunden; im ganzen
aber gipfelte ihr Vorgehen in gewissem Sinne doch in dem
Kampfe nur gegen einen Mann, den obersten Kanzler des König⸗
reiches Böhmen und Stellvertreter des Landmarschalls von
Niederösterreich, Grafen Harrach; und als dieser 1748 gestürzt
und 1749 gestorben war, beruhigten sich im allgemeinen alle
Stände. Dabei mochte man im geheimen wohl noch gründlich
grollen: doch verhinderte das nicht, daß die zur Heeres—
reorganisation nötigen 14 Millionen jährlicher Steuern bewilligt
wurden, wenn sie auch niemals wirklich vollständig ein⸗
gegangen sind.
Was aber dieser Politik der Kaiserin, abgesehen davon,
daß sie das nächste Ziel erreichte, die besondere Signatur gab,
das war der Umstand, daß sie damit gegenüber dem Hochadel,
dessen zentralistisch-höfische Entstehung wir kennen, und der
längere Zeit hindurch zum eigentlichen sozialen Träger der
österreichischen Gesamtstaatsidee am ehesten berufen gewesen zu
sein schien!, aufs klarste Front machte: sehr im Gegensatze zu
S. oben S. 703 ff.