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Zweiundzwanzigstes Buch.
früh auch Maler, aus der Umwelt riß, in der sie bodenständig
waren, sie an den Hof verpflanzte, ihnen spezielle Aufträge
gab und versuchte, sie zu Lehrern einer zweiten Generation von
Künstlern — und diese dann zu Lehrern einer dritten uswp. —
auszubilden.
In Deutschland kann man die Stellung Cranachs am
Hofe der ernestinischen Wettiner und die ähnlichen Stellungen
anderer Maler an anderen Höfen als den Beginn einer ver—
wandten Entwicklung auffassen. Akademien aber erwuchsen
aus diesen Anfängen zuerst in Italien und Frankreich. In
Deutschland vollzog sich ein Abschluß in diesem Sinne erst
spät seit dem 17. Jahrhundert: nun kam es in München,
Dresden, Berlin und sonstwo zu wirklichen Pflanzschulen der
Kunst.
Natürlich enthielten aber diese Pflanzschulen ihrem innersten
Wesen nach für die Weiterbildung der Kunst ganz andere
Voraussetzungen als die alten zünftlerischen Überlieferungs—
formen der Kunst. Ausbildung und Beschäftigung der Meister
wurde hier zugleich geregelt; nicht bloß das Handwerksmäßige
wurde gelehrt, auch der Geschmack, das Auge wurden gebunden.
Und maßgebend für die damit verknüpfte Brechung der künstle—
rischen Persönlichkeit wurde eine fremde Kunst, da es eine
heimische Tradition für diese Kreise nicht gab: die Renaissance.
Das Ergebnis kann nicht überraschen. Die Künstler wurden
sozusagen Beamte, liebe, stetige, fleißige Männer von guten
Manieren, korrekt, wohlanständig, als Höflinge zumeist elastischen
Rückgrats, als Künstler zeitlebens Lehrlinge fremden Ge—
schmackes.
Im 18. Jahrhundert aber wurden dann diese Kreise klar
ersichtlich zu Elementen, aus denen die wahre Kunst floh:
zu Begräbnisstätten der noch lebendigen Kunst des 17. Jahr—
hunderts. Denn wo nur immer sie „aufblühten“, da wurde
die Kunst fast ausnahmslos zur schönen Wissenschaft, blieb nichts
übrig als Phlegma.
Diesem Gange der Entwicklung gegenüber konnte sich nun
die Auffassung der Enthusiasten der zweiten Hälfte des 18. Jahr—