Full text: Zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas

Die Produktionsmöglichkeit leidet durch die industrielle und kommerzielle 
Demoralisation, . politische Kämpfe, Arbeiterforderungen. 
Fünfzehn Millionen Familien genießen Arbeitslosenunterstützung. 
Ich zitiere. Walther Rathenau: „Die kleinen europäischen Terri- 
jorien werden, wenn sie sich ihres Zusammenhanges nicht bewußt sind, nicht 
imstande sein, die großen technischen Aufgaben der Zukunft zu lösen, denn 
die technische Führung liegt da, wo die Größe der Produktion ist. ‘Die Größe 
der Produktion ist aber bedingt durch die Größe des Konsums. das heißt die 
Größe des Territoriums.“ 
Die Produktionsfähigkeit Europas von 1918/14 wird allmählich 
wieder erreicht, nicht aber seine Konsumfähigkeit. Bis 1914 war Europa 
das Hauptabsatzgebiet Deutschlands; es nahm 76 % seiner Exporte auf. 
Im eigentlichen Welthandel von Fabrikaten spielte damals Deutschland 
im britischen Imperium und Nordamerika durchaus nicht die Rolle, die 
der Laie vielfach annahm. 
Unterkonsumption ist das Hauptwort. in der jetzigen europäischen 
Wirtschaft. Preisabbau ist die logische Konsequenz, da die Kon- 
zumenten zu arm sind. Qualität bei Billigkeit ist für diese 
das Leitmotiv bei Einkäufen. Im Augenblick wird in Deutschland noch 
zuviel Sekunda- und Tertiaqualität erzeugt. Ich muß immer an Reu- 
lauxs Warnung vor etwa 45 Jahren denken, als er Reichskommissar 
in Philadelphia. war und die deutsche Industrie vor „Billig und schlecht“ 
warnte. Da wir auf Export angewiesen sind, müssen wir „billig und prima“ 
liefern, aber nicht nur ans Ausland, sondern auch im Inland. Sehr 
interessant, trotz mancherlei Widersprüche, sind die Auffassungen ‚des 
Franzosen Gustave le Bon („The World unbalanced‘“, Fisher 
Union, London 1924), der u. a. sagt: „Die einzigste Lösung des euro- 
päischen Problems und der Folgen des Krieges liegt in der Hebung der 
Produktion aus dem natürlichen Reichtum der Länder und einer Ver- 
ringerung der Ausgaben, d. h. Sparsamkeit.‘ Meine vor 7 Jahren ge 
machten Darlegungen über die Kriegsfolgezeit °) werden also auch hier 
bestätigt. 
Wenn wir uns nun fragen: Woraus besteht das augenblickliche 
Europa? so werden viele unter uns sich leider eingestehen, daß: wir 
herzlich schlecht orientiert sind. Daher gebe ich folgende Ühersicht *) 
Li. Staaten ohne Gebietsveränderungen: 
Letzte Zählung akım 
Bevölkerung 
überhaupt je qkm 
921 228 197 2767 530 187,41 
921 83 8009 4 494 000 52,38 
920 410 498 5 904 489 14,38 
920 309 633 2649775 8,56 
920 34201 5865 314 200,73 
920 41 298 3.886 090 34,10 
‚220 505 154 21 338 381 42,24 
‚920 91 948 6 032 991 65,61 
1917 159 10.716 67,40 
iq292 . 2 586 260 767 100,84 
Großbritannien 
Irland 
Schweden . 
Norwegen 
Niederlande 
Schweiz . 
Spanien . . 
Portugal . 
Liechtenstein 
Luxemburg 
3) „Die wirtschaftliche Organisation der Kriegsfolgezeit“, Leipzig 1917. 
» DAN TOSEHE und bearbeitet nach „Wirtschaft und Statistik“ 1924 
S B46—64R
	        
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