VI. Das älteste erhaltene deutsche Kaufmannsbüchlein
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zeschäften bediente. Aber auch hier ist zu unterstreichen, daß es nur ein
geringer Teil der gesamten von ihm abgeschlossenen Warengeschäfte auf
Kredit war, die auf diese Weise verzeichnet wurden; gerade über die in
ınserem Büchlein erhaltenen Abschlüsse enthält das Stadtbuch gar nichts.
[Immerhin stehen die Stadtbucheintragungen unseres Hermann an Zahl und
Wert zurück hinter den Eintragungen seines Bruders Bruno oder des Gott-
schalk de Warendorp aus der Breiten Straße, der den Grund zu dem
Reichtum einer anderen Familie der Warendorp legte. An der Höhe der
einzelnen kreditierten Beträge ist aber eine wesentliche Steigerung fest-
zustellen: während sie von 1327 bis 1345 sich um etwa 50 m. I. bewegen,
anfangs sogar kaum die Hälfte dieses für Stadtbuchforderungen bescheidenen
Betrages erreichen, gehen nach 1345 die Einzelbeträge in die Hunderte
von m. 1., der größte, vom Jahre 1347, beläuft sich auf 516 m. 1., also ein
Betrag, dessen Wert sicher einige 10000 Reichsmark erreicht. Auch diese
Beobachtung spricht dafür, daß wir es bei Hermann Warendorp mit einer
erfolgreich aufstrebenden kaufmännischen Persönlichkeit zu tun haben.
Sein Wirkungskreis erstreckte sich nach Osten und Westen, auch nach
Südwesten. Höchstwahrscheinlich war er blutsverwandt mit den Waren-
dorp in Riga, denn 1327 verkaufen er, sein Bruder Bruno und der Rigaer
Bürger Bruno de Warendorp gemeinsam das halbe Eckhaus Krähen-
straße 38— An der Mauer 56. Der Rigaer Bruno de Warendorp war bei dem
Verkaufe nicht anwesend, sondern hatte durch eine Urkunde des Rigaer Rats
Gottschalk de Warendorp zu seinem Vertreter bei der Auflassung bevoll-
mächtigt!°). Man wird den Rigaer Bruno als direkten Neffen von Vaters
Seite her anzusprechen haben; wie es ja eine ganz übliche Erscheinung ist,
daß Glieder angesehener Lübecker Familien im Baltikum ansässig wurden!!).
Späterhin finden die geschäftlichen Beziehungen Hermann Warendorps zum
Baltikum darin ihren Ausdruck, daß er und Hinrich Travemann als bevoll-
mächtigte Lübecker Vertreter des Dorpater Bürgers Ekbert Bischopinge
auftraten??),
Nach der andern Richtung gingen die geschäftlichen Unternehmungen
Hermanns nach Flandern: das Handlungsbüchlein selbst erwähnt ja seine
Geschäftsreise nach Flandern im Jahre 1331. Von einer Geschäftsverbindung
nach dem westfälischen Städtchen Warendorp, dem Ursprungsort der
Familie, berichtet ein Eintrag des Jahres 1342%®), Beziehungen zu Frankfurt
am Main lassen zwei Einträge vermuten, in denen Andreas von Rostock als
Schuldner sich verpflichtet!*); denn Andreas von Rostock war der Gesell-
schafter des Frankfurter Kaufmanns Johann Lemmekin®®).
Von einer anderen westlichen Handelsbeziehung Hermann Warendorps
haben wir zwei knappe, aber aufschlußreiche Zeugnisse: seinem Englands-
geschäft. 1329 nimmt ihn und Godekin von Reval König Eduard III. auf ein
Jahr in den Königschutz für seinen Verkehr in England. und 1331 ist er mit
Rörig. Hansische Beiträge.