Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

V. 
Können seelische Stimmungen, wie die soeben nur in leisem 
Flor geschilderten, in ihrer halb stammelnden Offenbarungsform 
einer ruhigen Betrachtung von Natur und Geist, einer Welt—⸗ 
anschauung auf Grund der allgemeinen Kulturerfahrungen des 
Zeitalters, einer klar abgewogenen Metaphysik im Sinne wahr— 
scheinlicher Vermutungen über das heute im allgemeinsten Denk⸗ 
hare günstig sein? 
Mit dem Überschäumen der neuen ästhetischen Kultur ins 
Ethische und Religiöse ist der Lauf dieser Kultur vollbracht. 
Die Periode der Reizsamkeit wird ihre Pforten schließen, wie 
die Periode der Empfindsamkeit sie einst geschlossen hat. Die 
allgemeine seelische Errungenschaft wird bleiben, aber andere 
Seiten des Seelenlebens werden hervortreten, und auf ihrer 
Grundlage wird man bauen, wirken, denken. 
Einstweilen aber haben philosophische Erwägungen und 
Hypothesen mit dem ästhetisch-ethisch-religiösen Enthusiasmus zu 
leben; und es steht noch dahin, ob und wieweit sie dabei nicht 
doch den Charakter der Gedankendichtung annehmen werden. 
Das Wesen der seelischen Entwicklung unserer im Verlaufe 
dieses Bandes geschilderten Kultur besteht darin, daß immer 
mehr psychische Potenzen, von den sogenannten oberen des 
Verstandes und der Vernunft ab hinunter bis zu den bloß 
trieb⸗ und empfindungsmäßigen, zur klaren Vorstellung gelangen. 
Hiermit hängt es zusammen, daß die Einheit des Menschen 
mit der Natur immer bewußter gefühlt wird: denn je mehr 
sogenannte untere Potenzen des Seelenlebens ins Bewußtsein 
treten — Potenzen, die sich analog auch sonst in der orga—
	        
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