V.
Können seelische Stimmungen, wie die soeben nur in leisem
Flor geschilderten, in ihrer halb stammelnden Offenbarungsform
einer ruhigen Betrachtung von Natur und Geist, einer Welt—⸗
anschauung auf Grund der allgemeinen Kulturerfahrungen des
Zeitalters, einer klar abgewogenen Metaphysik im Sinne wahr—
scheinlicher Vermutungen über das heute im allgemeinsten Denk⸗
hare günstig sein?
Mit dem Überschäumen der neuen ästhetischen Kultur ins
Ethische und Religiöse ist der Lauf dieser Kultur vollbracht.
Die Periode der Reizsamkeit wird ihre Pforten schließen, wie
die Periode der Empfindsamkeit sie einst geschlossen hat. Die
allgemeine seelische Errungenschaft wird bleiben, aber andere
Seiten des Seelenlebens werden hervortreten, und auf ihrer
Grundlage wird man bauen, wirken, denken.
Einstweilen aber haben philosophische Erwägungen und
Hypothesen mit dem ästhetisch-ethisch-religiösen Enthusiasmus zu
leben; und es steht noch dahin, ob und wieweit sie dabei nicht
doch den Charakter der Gedankendichtung annehmen werden.
Das Wesen der seelischen Entwicklung unserer im Verlaufe
dieses Bandes geschilderten Kultur besteht darin, daß immer
mehr psychische Potenzen, von den sogenannten oberen des
Verstandes und der Vernunft ab hinunter bis zu den bloß
trieb⸗ und empfindungsmäßigen, zur klaren Vorstellung gelangen.
Hiermit hängt es zusammen, daß die Einheit des Menschen
mit der Natur immer bewußter gefühlt wird: denn je mehr
sogenannte untere Potenzen des Seelenlebens ins Bewußtsein
treten — Potenzen, die sich analog auch sonst in der orga—