Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

—A —— 
Seele mit anderem erfüllen. Er nimmt gewahr, daß unterhaltende Geselligkeit, glück— 
liches Familienleben, Erziehung der Kinder, die Übung der eigenen Kraft und Gewandt— 
heit gleichmäßigere und dauerndere Lust gewährt. So erwachsen das Kraft- und das 
Selbstgefühl, das Mitgefühl und die Liebe, die Verbands- und Gemeinschaftsgefühle aller 
Art, zületzt die moralischen und Pflichtgefühle nach und nach unter der Einwirkung der 
Erfahrung, der Gesellschaft, der Ideenwelt. Erst eine psychologische Geschichte der Mensch— 
heit, vor allem eine Geschichte der Entwickelung der Gefühle, wie sie andeutungsweise 
Horwicz giebt, würde uns eine richtige Grundlage für alle Staats- und Gesellschafts- 
wissenschaft bieten. 
An alle die einzelnen, nach und nach sich ausbildenden Gebiete des Empfindungs— 
lebens knüpfen sich nun Lust- und Schmerzgefühle, und dieselben wirken als Wegweiser 
für den menschlichen Willen und das Handeln. Und wenn wir zweifeln, ob wir das 
beglückende Gefühl des Heldentodes jür das Vaterland mit dem gleichen Namen bezeichnen 
sollen wie die Lust am Becher schäumenden Weines, so ist das Gleiche und Verbindende 
a nur die Natursfeite des Zustandekommens eines Glücks- oder Lustgefühls. Wie auf 
den wilden Stamm der Rose die verschiedensten Blütenarten gepfropft werden, so sind 
unsere Nervenreize der physiologische Untergrund für das Verschiedenste, was Menschen— 
seelen bewegt. Und alle höheren, reineren Freuden können voll nur aus unserem geistigen 
und socialen Leben erklärt werden, wie die natürlichen aus unseren animalischen Prozessen. 
Mit der Erfahrung, daß die verschiedenen Gefühle stärkere oder schwächere, einfache 
oder mannigfache, vorübergehende oder dauernde, kurz nach den verschiedensten Seiten 
dem Grad und der Art nach unterschiedene Freuden gewähren, verbindet sich die denkende 
Ordnung, welche alle die verschiedenen Gefühle nach ihrer Bedeutung für das Leben 
gliedert und in Reihen bringt. Es entsteht eine Skala der Lust- und Glücksgefühle. 
Eine tiefere und edlere Lebensauffassung kommt zu dem Ergebnis, daß die Lustgefühle 
—— 
Verknüpfungen und Verhältnisse sie sich anheften (Fechner). Das Gefühl steht höher, 
das nicht an einen einzelnen, sondern an mehrere Sinne sich anknüpft, das nicht den 
Abrper, sondern die Seele, nicht die Lage des Moments, sondern die dauernde des 
Individuums, nicht das Individuum allein, sondern die Genossen, die Familie, die 
Mitbürger betrifft oder mitbetrifft. Allen sittlichen Fortschritt kann man von diesem 
Standpunkt aus betrachten als den zunehmenden Sieg der höheren über die niedrigen 
Gefühle. Aller Fortschritt der Intelligenz und der Technik, der Mehrproduktion und 
der komplizierteren Gesellschaftseinrichtungen führt nur daun die Völker sicher und dauernd 
aufwärts, wenn die Gefühle, welche das Handeln bestimmen, sich in dieser Richtung 
entwickelt haben. 
Es ist klar, daß bei dem Sieg der höheren über die niedrigen Gefühle die letzteren 
selbst etwas anderes werden. Auch die elementaren, natürlichen Lustgefühle verfeinern 
und veredeln sich oder verknüpfen sich immer enger mit höheren Gefühlen. Die Lust 
der Sättigung verknüpft sich beim Kulturmenschen mit den Freuden des Familien— 
lebens und der angeregten Geselligkeit, mit gewissen ästhetischen Gefühlen. Aus dem 
Behagen, in Höhle und Hütte sich gegen Kälte und Wetter zu schützen, wird mit der 
besseren Wohnung die Freude am eigenen Herd, an seiner Ordnung und anmutenden 
sauberen Gefstaltung. So wird die Verknüpfung der verschiedenen Gefühle miteinander 
zugleich zu ihrer richtigen Ordnung. Auch die sinnlichen verschwinden nicht, aber sie 
werden an ihre rechte Stelle gefetzt und durch ihre Einkleidung in höhere gezügelt und 
reguliert. 
Die wesentlichen habituellen Gefühle erscheinen in ihrer Beziehung zur Außenwelt 
a Ied risse in ihrer aktiven auf bestimmtes Wollen und Handeln hinzielenden Rolle 
als Triebe. 
12. Die Bedürfnisse. Die Lust- und Unlustgefühle weisen den Menschen über 
sich hinaus; sie nötigen ihn, tastend, suchend, überlegend das aufzusuchen, zu benutzen, sich 
zu assimilieren, was ihn von Schmerz befreit, was ihm Befriedigung, Lust und Glück ver— 
schafft. Die ihn umgebende Außenwelt mit ihren Schätzen, die sie nach Klima und Boden,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.