220
Sechstes Buch. Drittes Kapitel.
geschrittenen Kreise mittlerweile sehr an Schärfe verloren; wie
im 9. Jahrhundert, so hatte auch jetzt die Kirche sich die Früchte
der neuen Bildung schließlich nicht entgehen lassen.
Die sächsische Kaiserfamilie war von Haus aus fromm.
Otto der Große lenkte seit dem Aufhören der inneren Fehden
und dem Tode seiner ersten Gemahlin Eadgyd — also gleich—
zeitig mit den Anfangsjahren der Renaissance am Hofe — auch
in kirchliche Bahnen ein. Indem er die bischöflichen Verwaltungen
für die Reichsgeschäfte in Anspruch nahm, mußte sich, vornehm—
lich seit der Kaiserkrönung im Jahre 962, auch eine Fülle
geistiger, litterarischer und künstlerischer Beziehungen zwischen
dem Hof und den einzelnen Bischofssitzen ergeben. Nun hat
allerdings die Kirche die Lehre von der Überordnung der geist—
lichen Gewalt über die weltliche, wie sie im Zeitalter Ludwigs
des Frommen entwickelt worden war, auch im 10. Jahrhundert
grundsätzlich nicht mehr verlassen; Rather von Verona führt
in einer langen Stelle seiner Pracloquia ausdrücklich an, der
König sei verpflichtet, dem Worte der Bischöfe zu folgen, die
Bischöfe seien für ihre Amtsführung Gott allein verantwortlich.
Allein in der Praxis gestaltete sich doch während der zweiten
Hälfte des 10. Jahrhunderts das Verhältnis so, daß die
Bischöfe, politisch wie geistig, ganz auf den Pfaden des Hof—
lebens wandelten.
Damit verbreitete sich die Renaissance vor allem in den
bischöflichen Residenzen; waren bisher die Klosterschulen die
vornehmsten Träger der Bildung: jetzt ward es der stiftische
Unterricht. Bremen, Köln und Magdeburg, Lüttich und Hildes—
heim, Eichstädt und Regensburg blühen empor als neue Sitze der
Musen: hier werden die großen Schriftsteller und Heiligen der
Wende des 10. und 11. Jahrhunderts gebildet, bis in späterer
Zeit die Kathedralschulen mehr des mittleren Deutschlands,
Bamberg und Würzburg, Mainz und Speier hervortreten.
War es aber nicht selbstverständlich, daß diese neue Be—
wegung in die Klöster überflutete? Überall wuchs das mönchische
Leben dieser Zeit in neuen Bildungen empor; schon unter Otto J.
zählte man in Deutschland weit über hundert Klöster, und