fullscreen: Gesellschaftslehre

32 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
und ihrem Glanz, oder er kann als ein innerlich unbeteiligter Dritter 
sich gehoben fühlen durch das Bewußtsein, daß jener Glanz in den Augen 
des Publikums auch ihn mit umfaßt. Wenn Thackeray einmal seine Leser 
fragt, ob es ihnen nicht Freude machen würde, wenn sie am hellen Tage 
durch die belebtesten Straßen Londons gehen könnten Arm in Arm mit 
zwei Herzögen, so denkt er an den zweiten Typus. Überhaupt gehört der 
Snob, der ängstlich hinter jeder Möglichkeit einer gesellschaftlichen Ver- 
bindung herläuft und sich gehoben fühlt durch jede Neuigkeit, die er 
kolportieren kann, durchweg diesem an. Wenn aber jemand, der einem 
größeren Kreise eingegliedert ist, von diesem Ganzen unter Anwendung 
des Wortes „wir“ redet, so kann hier wiederum das damit verbundene 
gehobene Selbstgefühl beide Grundlagen haben: es kann das Verhältnis 
der Gemeinschaft ausdrücken, es kann aber auch einfach das Bewußt- 
sein wiederspiegeln, daß der Redende sich in den Augen des Publikums 
mit jenem Glanze als eins aufgefaßt empfindet. Wir können beide Typen 
etwa bezeichnen als eigenbegründetes und als umgebungs- 
begründetes Selbstgefühl. Das erstere braucht nicht Werte der 
eigenen Person zur Grundlage zu haben, sondern kann auch auf dem 
Bewußtsein des Wertes der eigenen Gruppe beruhen, indem der einzelne 
Angehörige dieser Gruppe sich mit ihr innerlich eins fühlt und ihre 
Werte als eigene empfindet; jedoch kann das Bewußtsein des Gruppen- 
wertes, wie einige Beispiele soeben andeuteten, natürlich auch das um- 
gebungsbegründete Selhstgefühl erzeugen. 
Beide Arten des Selbstgefühls sind auch innerlich, d. h. nach 
ihren Erlebnisqualitäten, verschieden. Wenn ein Wert nur von 
außen her auf einen Menschen überstrahlt, erfaßt er ihn nur an der 
Oberfläche, während der Wert, der aus seinem oder seiner Gruppe Wesen 
quillt, ihn in der Tiefe durchdringt. Dementsprechend können wir in der 
Tat sagen: das Selbstgefühl hat im einen Fall Oberfläc hen-, im 
andern Fall Tiefencharakter. Im ersten Falle wird das Ich von 
den fremden Werten nicht erfüllt, sondern bleibt so leer wie es war. Im 
zweiten dagegen, wo das Ich innerlich beteiligt ist, hat das Selbstgefühl 
einen spezifisch gehaltvollen, satten Charakter, und das Ich er- 
scheint als inhaltreich und erfüllt. Vielfach verbindet sich mit diesem 
Gegensagß ein zweiter, der sich auf die Sicherheit des Selbst- 
gefühles bezieht und ebenfalls die Qualität des Bewußtseinzustandes 
beeinflußt. Der Glücks- und Erfolgsjäger ist in seinem Selbstgefühl ab- 
hängig von einem ihm von außen geliehenen Glanz, der ihn je nach den 
Verhältnissen jeden Augenblick wieder verlassen kann. Wo der Wert 
aber im Wesen der eigenen Persönlichkeit oder der eigenen Gruppe be- 
gründet ist, da beruht er auf einem Grundgehalt der Lebensverhältnisse, 
der als dauernd gesichert empfunden wird. Wir können 80 im ganzen
	        
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