Manusibuddbas und Dhyänibuddhas.
95
licher Gestalt erscheint, zugleich sich auch in der übersinnlichen Welt
offenbart, ohne Namen und Gestalt. Der irdische Buddha galt
also nach dieser Auffassung immer nur als ein Abbild, eine Emana
tion eines himmlischen Buddha. Jeder Nännstbuddba hat seinen
Dhyänibuddha, sein verklärtes Selbst, im Himmel. Diese Dhyäni-
buddhas sind faktisch Götter. Sie haben keine Eltern, aber jeder
hat einen Sohn, den er durch Emanation erzeugt hat, um das gute
Gesetz auf der Erde zu überwachen. Diese Söhne sind Dhyäni-
bodbisattvas. So ist unser Gautama der Mänusibuddba; sein
Dhyänibuddha heißt Amitäbba, sein Dhyänibodhisattva heißt
Padmapäni, „der einen Lotos in der Hand hat". Dadurch ist
Padmapäni zu einer der wichtigsten Stellungen in der nördlichen
Kirche gelangt. Bekannter als Padmapäni ist sein Name Avalo-
kitesvara, „Herr des Anschauens", d. h. der Herr, der gnädig
auf die Menschen herabsieht. Avalokitssvara ist bei den nördlichen
Buddhisten völlig zum Gott geworden. Er ist es, von dem sie
Hilfe in aller Not und Bedrängnis erwarten, und den sie deshalb
auch am meisten mit Gebeten verehren. Auf ihn bezieht sich die
heilige Gebetformel: Om mani padme bum: „Ja, du Kleinod
im Lotos! Amen!"H Dieses Gebet ist so ziemlich das einzige, was
der gemeine Mann in Tibet und der Mongolei vom Buddhismus
kennt. Diese sechs Silben sind „die ersten, die das Kind stammeln
lern,, sie der letzte Seufzer des Sterbenden. Der Wanderer murmelt
sie auf seinem Wege vor sich her, der Hirt bei seiner Herde, die
Frau bei ihren häuslichen Arbeiten, der Mönch in allen Stadien
der Beschauung, d. h. des Nichtstuns; sie sind zugleich Feld- und
TriumphgeschreiDas Gebet steht an allen Lamentempeln, oft
in Sanskritschrifl. Es findet sich überall, wo der Lamaismus herrscht,
auf Felsen, Bäumen, Mauern. Es wird auf Fahnen und Papier
streifen geschrieben, die mittels Maschinen bewegt werden. Kein
Gebet wird so viel hergesagt und ist so oft geschrieben worden wie
dieses. Es wird oft überschwänglich gepriesen als der Inbegriff
aller Religion und Weisheit und mystisch gedeutet.
Wie Vtsnn bei den Brahmanen, so nimmt Avalokitesvara bei
den nördlichen Buddhisten alle möglichen Arten von Existenzen auf
1) Avalokitssvara wird zuweilen dargestellt als aus einem Lotos ge
boren, wie er ja auch einen Lotos in der Hand tragt, wonach er Pad
mapäni heißt. Om ist eine Interjektion der feierlichen Bekräftigung
und Verehrung.
2) Köppen II, 59.