Sozialpolitik zwischen Demokratie und
Autonomie.
Dr. Josef Winschuh. Berlin. ;
Der Stempel, den fast alle Dinge und Formen heute
in Deutschland tragen, ist: Unruhe und Unfertigkeit,
Gestaltwandel und Uebergang. In keinem europäischen
Lande liegen die Reste und Anfänge, die Gegensätze
und ihre Ueberschneidungen so verfilzt wie bei uns,
in keinem Lande scheint es so-schwer, zum Einfachen durchzustoßen,
die fruchtbare Synthese der Kräfte und Formen
zu finden und die Entwicklung in freies Land zu führen.
Ist das gut so, ist das ein Zeichen von wuchernder Kraft
oder Beweis einer Dekadenz? Ueber die Antwort läßt
sich so viel und so wenig streiten wie über Weltanschauungen
und Temperamente: Sie quillt von innen heraus,
aus dem Irrationalen. Der Pessimist sieht leicht die Unordnung
des Zerfalls da, wo der Optimist ein besonders
heftiges, ‚besonders -verdichtetes Stirb und Werde
feststellt.
Das gilt vor allem für die deutsche Sozialpolitik,
sofern man sie in weitestem Sinne versteht: als Summe
und Zusammenhang aller sozialen Ideen, Tatsachen und
Formen. Auch hier viel Unfertigkeit und Unruhe. Weniger
in den Tatsachen, in den vorhandenen Einrichtungen, als
in der Sinngebung der Sozialpolitik, damit aber auch in
ihrer Verbindung mit anderen Gebieten und
ihrer Begrenzung. Das gilt vor allem für das Verhältnis
der Sozialpolitik zu den großen Bereichen Staat und
Wirtschaft.
In keinem europäischen Lande werden. soviel
soziale Ideen produziert wie in Deutschland.
in keinem. Lande sind die Formen und Diskussionen so im
Fluß, nirgends ist das soziale Antlitz so unfertig wie bei
uns. Typische deutsche Problematik, typisch deutsches
Schicksal, ins Soziale übersetzt. . Aufgabe ist, diese Unruhe
und Unfertigkeit einer neuen Ordnung entgegenzuführen,
welche die Merkmale ieder echten, schöpferischen
Ordnung trägt: Befriedigung der zerstörenden und zersetzenden,
ruhige und stete Entwicklung der aufbauenden
und einigenden Kräfte. Dabei wird stets die Frage eine
große Rolle spielen, inwieweit das soziale Leben nach Idee
wie Form, nach Leistung wie Gesetz autonom ist, das
heißt, in sich selbst beruht, für sich allein bestehen kann
oder abhängig, von außen her bestimmt und nach außen
hin verpflichtet ist. Ferner ist die Frage nach dem Verhältnis
von Sozialpolitik und Demokratie aktuell.
Inwieweit ist Sozialpolitik gegenüber dem Staat
autonom, inwieweit von ihm abhängig? Es entspricht
deutscher Eigenart, deutschem staatspolitischen Denken,
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