Essen betont, daß eine solche Auffassung eine Verzerrung
demokratischer Gedanken sei, daß
der Staatsbürger das Bestreben haben müsse, aus der
Sozialversicherung herauszuwachsen und auf eigenen
Füßen zu stehen, anstatt in sie hineinzugleiten.
Eine andere Gefahr ist die Gleichsetzung von
Demokratisierung mit Proletarisierung.
Diese Gefahr ist sehr groß. Auf der letzten Tagung der
Arbeiterwohlfahrt ist es offen ausgesprochen
worden, daß man eine Demokratisierung der Wohlfahrtspflege
anstreben müsse, die dann von selbst zur Proletarisierung
führe. Auf diesem Gebiet bedeutet der Gedanke
der sozialen Autonomie keinen Schutzwall. Die weitgehende
Mitwirkung der Organisationen, die hier eingerissen ist,
dedeutet vielmehr Zersetzung, Politisierung der Fürsorgesinrichtungen,
Einschüchterung der Bürokratie. Hier, wo
as kein Gegengewicht gibt, wo nur eine Gruppe von Fordernden
ohne die geringste Verantwortung auftritt, wo
nicht ausbalanciert werden kann nach Pflicht und Anspruch,
wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Notwendigkeit,
Beitrag und Leistung, ist der Gedanke der sozialen Auto-1omie
sinnlos. Hier heißt es, vernünftige staatliche Regelungen
schaffen und eine unabhängige, sachverständige
Bürokratie in die Lage versetzen, diese Regelungen anzuwenden,
ohne einem Druck der Massen und der Bevormundung
durch ihre Zweckorganisationen ausgesetzt zu
sein. Hingegen kann die soziale Autonomie im Bereich der
Sozialversicherung, darüber hinaus im Schlichtungswesen
und ‚auf anderen sozialen Gebieten, segensreich wirken.
Denn der Begriff der Autonomie schließt delegierte Führung
ein, Verantwortlichkeit der Gruppen, Ausgleich der Kräfte
und Forderungen, nicht zuletzt finanzielle Disziplin nach
.anen und Abgrenzung nach außen.
Ein dritte Gefahr, die aus einer falschverstandenen
demokratischen Ideologie droht, ist die Wirtschaftsdemokratie,-die
an anderen Stellen eingehender benandelt
wird. Hier nur soviel:
Wirtschaftsdemokratie ist im Grunde ein Mißverständnis,
teils gewollt, teils ungewollt.
Ein Mißverstehen der Eignung und Leistungsfähigkeit demokratischer
Grundsätze. Es ist nicht wahr, daß sich Demokratie
zur Lösung aller Führungs- und Leistungsiragen
eignet, wie das viele naiv glauben. Es gibt Gebiete, auf
denen Demokratie völlig versagt. Es gibt andere Gebiete,
auf denen sie als Kontrolle, als Korrektur aristokratischer
Auswüchse nötig, aber an sich auch nicht schöpferisch
ist. Ueberall, wo Demokratie gleich Massenherrschaft
und nicht gleich Möglichkeit freier Auslese unprivilegierter
Führer gesetzt wird, die dann auch genügend
Spielraum haben, ist sie überhaupt unproduktiv und
lähmend, genau wie der Gedanke der Gleichheit, genau wie
die auf die Spitze gyetriebene Idee der ÖOerechtigkeit.
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