Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Verdruß und Erbitterung, wenn sie nicht die Aussicht 
haben, eines Tages auch zu einer Funktion zu kommen, in 
der sie sich voll auswirken und eine bessere Bezahlung 
sichern können. 
Wie liegen denn nun in Deutschland die schulpolitischen 
Bedürfnisse des praktischen Lebens? Fehlt es 
uns an Ingenieuren, kaufmännischen Leitern oder Werk- 
meistern? Nein! Fehlt es uns an Lehrern, Studienräten 
und wissenschaftlichen Forschern? Nein! Die Not der 
Junglehrer, .der Studienassessoren, die lange Wartezeit der 
Privatdozenten, der hoffnungslose Andrang unserer akade- 
mischen Jugend zu allüberall überbesetzten Berufen spre- 
chen eine zu deutliche Sprache. 
Aber es fehlen noch tüchtige, vielseitige und wendige 
gelernte und angelernte Arbeiter. Es fehlen Landarbeiter 
und Kleinsiedier. Was soll uns also ein Schulsystem, das 
in keiner Weise den Bedürfnissen der wirtschaftlichen 
Praxis und des beruflichen Lebens in der Nation entspricht. 
Die Norm, die von der natürlichen Berufsgliederung Uunse- 
res gesamten Wirtschaftskörpers ausgeht, kann selbs 
Inch gewerkschaftliche Macht nicht verschoben werden, 
Un 
das oberste Gesetz unserer nationalen Bildungspolitik 
sollte sein, streng darauf zu achten, daß das absolut 
notwendige Gleichgewicht zwischen, Schule und 
Leben nicht zugunsten einer zur geistigen Anarchie 
führenden Despotie der Schule verschoben wird. 
Fin solidarisches Emportragen der Arbeiterklasse durch 
Schulbildung — und das gilt für alle Berufe — ist einfach 
nicht möglich. Was der einzelne durch Energie und Selbst- 
aufopferung erreichen kann, ist dem ganzen Stande noch 
lange nicht möglich. Solidarität der Klasse bedeutet daher 
auf dem Gebiete der Öffentlichen Bildung den: Verzicht 
aller. Man kann und soll es tüchtigen und vermögenslosen 
Leuten aller Volksschichten, die ihre Leistungs- 
Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, 
leicht machen, vorwärtszukommen, eine klassenweise 
Förderung dieser Art ist eine wirtschaftliche und gesell- 
schaftliche Unmöglichkeit. Das Individuum kann in einer 
Art sozialer Osmose von Stand zu Stand wechseln und 
aufsteigen, die einzelnen Stände ‘an sich, mit den geistigen 
Voraussetzungen ihrer Berufstätigkeit, aber müssen und 
werden bleiben, solange der Stand der Technik und die 
Organisation der Wirtschaft ihrer nicht entraten können. 
Aus diesen Tatsachen ergibt sich endlich auch 
der Primat der Forderungen, welche die Wirtschaft 
an die Pädagogik zu stellen hat. 
Auch die Wirtschaft dient der Zukunft, aber nur, indem sie 
die Gegenwart erhält. Soweit sie also Forderungen auf- 
stellt, dienen sie nicht zur Verwirklichung künftiger Pro- 
gramme und sozialer Ideologien, sondern zur Erhaltung 
171
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.