Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Die Probleme der Wirtschaitsdemokratie. 
Dargestellt an internationalen Beispielen, 
Von Privatdozent Dr. Walter Heinrich, Wien. 
Die politische Demokratie, Volksherrschaft im staats- 
wissenschaftlichen Sinne des Wortes, ist gekennzeichnet 
durch zwei Grundforderungen: Durch die Forderung nach 
politischer Gleichheit der Staatsbürger und durch den 
Grundsatz, den Staatswillen von unten her, durch Sum- 
mierung bzw. Auszählung der Einzelwillen zu bilden, Beide 
Grundsätze der politischen Demokratie haben eine wissen- 
schaftliche Begründung und eine politische Verwirklichung 
erfahren: Die erste lieferte die naturrechtliche Lehre vom 
Staatsvertrage, derzufolge die gleichen und freien Staats- 
bürger durch Freiheitsverzicht den Staat gründen; die poli- 
tische Verwirklichung der Demokratie gibt der parlamen- 
tarische Parteienstaat. 
Was bedeutet nun Demokratie auf die Wirtschaft über- 
tragen? Gibt es neben dem staatswissenschaftlichen Sinne 
des Wortes noch einen wirtschaftswissenschaftlichen? Gibt 
es eine demokratische. Wirtschaftsgestaltung, eine .„Wirt- 
schaftsdemokratie‘“? 
Versuchen wir, die beiden soziologischen Grundsätze der 
Demokratie: Gleichheit und Willensbildung von unten her, 
auf die Wirtschaft anzuwenden. In der Wirtschaft kann 
Gleichheit sowohl Gleichheit der wirtschaftlichen Leistung 
als auch Gleichheit des Anteils am Wirtschaftsertrage (auf 
Grund gleicher Leistung oder trotz verschiedener Wirt- 
Schaftsleistung) bedeuten. Willensbildung von unten her, 
also Führung der Wirtschaft durch Summierung der Einzel- 
willen aller am Wirtschaftsprozesse Beteiligten, bedeutet 
ebenso wie. die erste Forderung: Gleichheit aller Wirt- 
schaftsleistungen unter Ausschaltung oder Absehen von 
führenden Leistungen jeder Art: des Unternehmers, des 
kommerziellen oder technischen Leiters, des Ingenieurs. des 
Werkmeisters, des Vorarbeiters usw 
Die erste wie die zweite Forderung bedeutet aber 
Kommunismus. 
Die oberflächlichste Betrachtung des wirklichen Wirt- 
schaftslebens zeigt, daß eine Uebertragung der Grundsätze 
der politischen Demokratie auf die Wirtschaft undurchführ- 
bar, der Inhalt des Schlagwortes .„.Wirtschaftsdemokratie“ 
demnach undenkbar ist: Es gibt weder einen wirtschafts- 
wissenschaftlichen Begriff der Demokratie, noch gibt es 
eine Wirtschaftsgestalt, die die Grundsätze der Gleichheit 
aller Leistungen und der Wirtschaftsführung von unten her, 
durch Summierung der gleichgestellten Einzelwillen aller 
Wirtschafter, verwirklichen könnte. Außer man macht 
— unter Hintansetzung der elementarsten Tatsachen des 
Wirtschaftslebens — Ernst mit einer Utopie: Dann enthüllt 
sich allerdings das wahre Gesicht der „Wirtschaftsdemo- 
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