Full text : Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

sammenhang das Schicksal der ‚industriellen Wohlfahrtspflege
 bedeutungsvoll ist, habe ich in „Freie Wohlfahrtspflege“,
 Berlin, 3. Jahrg., Heft 10, näher ausgeführt,
Es ist unmodern, ja es wird anmaßend ‚sogar als
„wissenschaftlich . überholt“ bezeichnet, wenn man gegenüber
 dem überspannten Organisationsgedanken immer wWieder
 betont, daß die tiefste Einwirkung auf das
Wirtschaftsleben durch die Einzelpersönlichkeit
 geschieht. Wenn Spengler vom „Satanismus“
 und Wünsch vön der „Dämonie‘“ des Maschinenzeitalters
 sprechen, so/kann — gleichgültig, ob wir diese
Bezeichnungen für richtig oder übertrieben halten — nur
ein doppeltes Maß persönlichsten sozialen VerantwortungSsgefühls
 den gefährdeten sittlichen Gedanken in der Wirtschaft
 retten.
Wenn wir uns für die Freiheit des sittlichen Gedankens
in der Wirtschaft entscheiden, so leitet uns mit die Erkenntnis,‘
 daß Organisationen, deutlicher gesagt ZwangSwirtschaftsformen,
 keinen sittlichen Gedanken erzwingen,
noch weniger erzeugen können. Wenn der übertriebene
Egoismus der Hauptgegner des sittlichen Gedankens ist, So
kann nur das Ego-Ich in persönlichster Umkehr eine
Wandlung schaffen;
es gibt keine Organisationsform, die den Egoismus
beseitigt.

Wenn Wünsch in seinem Standardwerk: Ev. Wirtschaftsethik
 (Mohr, Tübingen 1927 S. 705) „Umkehr
 und Buße der Wirtschaftsmächtigen“
verlangt, so könnte er diese evangelische Forderung sicherlich
 stellen, wenn er ‚sie gleichzeitig an die anderen Stände,
in denen es ja auch „Mächtige‘“ gibt, richten würde,
was er leider nicht tut, Es ist aber grundsätzlich falsch,
wenn diese wirtschaftsethische, mit Recht individuelle
 Forderung verquickt wird mit wirtschaftst he 0-retischen,
 mehr oder: weniger kollektivistischen
 Wünschen, Hier. muß ein großer Trennungsstrich
gemacht werden. Sonst kann doch leicht der Eindruck erweckt
 werden, als ob der sittliche Gedanke sozusagen als
Strafe, weil er vom Individuum ethisch nicht hinreichend
anerkannt ist. nım in einer Zwangsform theoretisch. garantiert.
 sei. Das ist unbedingt ein Trugschluß, In jeder
Wirtschaftsorganisation, auch wenn Sie kollektivistisch als
Wirtschaftsdemokratie (Naphtali) oder Bedarfsdeckungswirtschaft
 (Wünsch) gedacht ist,
ist der sittliche. Gedanke immer Besitz oder Nichtbesitz der
einzelnen Individuen. Innerste Selbstbesinnung, Reue und
Buße als tiefste evangelische Quelle des sittlichen Gedankens
 können wirklich nicht durch eine organisatorische
Wirtschaftsänderung ersetzt oder geschaffen werden, €s
muß vielmehr jeder einzelne mit einem Tropfen sozialen
Oels gesalbt sein. Dann wird die Frage der Wirtschaftsform
 das, was sie in Wirklichkeit ist, eine theoretische und
keine ethische, deren Lösung also auf einer ganz anderen
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