Full text : Werke und Schriften bis Anfang 1844 (1,2.1930)

Gedichte .

55

Das bleiche Mädchen
Ballade

Das Mägdlein steht da so bleich.
So still und verschlossen,
Die Seele, engelweich,
Ist trüb und verdrossen.

Da blitzt kein Strahl hinein,
Da treiben die Wogen,
Da spielen Liebe und Pein,
Die sich wechselnd betrogen.

Sie war so fromm, so mild,
Dem Himmel ergeben,
Der Unschuld seliges Bild,
Das Grazien weben.

Da kam ein Ritter hehr,
Auf prunkendem Rosse,
Im Auge ein Liebemeer,
Und Glutgeschosse.

Das traf so tief in die Brust,
Doch er zog von dannen,
Hinstürmend in Kriegeslust,
Nichts mag ihn zu bannen.

Und die stille Ruhe geflohn,
Der Himmel gesunken,
Das Herz des Jammers Thron,
Und sehnsuchtstrunken.

Und wie es ein Abend ist,
Da wirft sie sich nieder,
Hin vor den heiligen Christ,
Und betet wieder.

Doch zwischen seine Gestalt
Ein andrer sich dränget,
Der faßt sie mit Allgewalt,
Wie sie’s Herz auch zwänget.

„Bist doch das Liebchen mein,
Und für stets mein eigen,
Dem Himmel magst du zum Schein,
Die Seele zeigen.“
            
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