R. Malthus.
213
lichen Folgerungen der Nützlichkeitslehre die Wahrheit des
Christenthums beweist, nicht umgekehrt, Diese gewisser-
maassen untergeordnete Stellung des Glaubens gegenüber der
Wissenschaft tritt hier noch weit deutlicher hervor als bei
Süssmilch, der wenigstens äusserlich und formell‘ die Noth-
wendigkeit seiner „natürlichen Ordnung“ aus dem geoffenbarten
Willen Gottes und nicht aus seiner factisch ganz selbständigen
wissenschaftlichen Beobachtung und Untersuchung ableitet.
Dies gleichzeitige Benützen verschiedener Standpunete
rührt nicht etwa davon her, dass Malthus den Anhängern
aller Religionen und aller Philosophien vor Allem nur die
Wahrheit seines Hauptsatzes und der daraus folgenden prak-
tischen Regeln klar machen wollte — vielmehr liegt die
Sache so, dass Malthus zu viel allgemeine Bildung, zu viel
religiöses und sittliches Pathos besitzt, um etwa die Bentha-
mitische Nützlichkeitslehre in ihrer schroffen Ausbildung zum
Binzigen Ausgangspunkt zu nehmen?) und dass er doch zu
wenig Drang nach Entwicklung einer geschlossenen philosophi-
schen Weltanschauung hatte, um die Unvereinbarkeit der aus-
schliesslichen Nützlichkeitslehre mit dem Geiste des Christen-
thums und einer jeden Ethik, in welcher der Begriff von
Tugend und Sittlichkeit als ein selbständiger existirt, zu er-
kennen.
So kam es, dass er die Frage, warum der Einzelne
das allgemeine Glück befördern soll, nicht stellte, ob-
Wohl er keineswegs nothwendige Identität oder Harmonie aller
[nteressen anerkannte, und dass er somit in Bezug auf die
letzte philosophisch-religiöse Begründung seiner Ansichten un-
klar blieb — obwohl er nicht umhin konnte, stets an die
höchsten Prableme von Religion und Philosophie zu streifen.
1) Die Abweichung von Bentham ohne bewussten Widerspruch gegen
denselben tritt besonders deutlich in: den Stellen von Buch IV, Cap. 1
hervor, wo ausgeführt wird, dass die menschlichen Leidenschaften die
Grundlage all unserer Freuden und Leiden, unseres Glücks und Elends,
ınserer Tugenden und Laster sind — während Bentham bekanntlich
lie Leidenschaften nicht durch Vernunft und Pflichtgefühl zähmen, son-
dern seradern Anrch Nützlichkeitsspeculationen verdrängen will.