Wirlschaftsgeschichte der deutschen Kolonien
nehmer, Indien gab uns für 500 Millionen und
erhielt von uns nur für 150, Britisch Westafrika gab
uns für 135 und bezog für 16, Agypten für 118
und bezog für 43 und andere ähnlich.
Die Siedlungsfrage spielte bekanntlich
eine besondere große Rolle, als wir in die
Kolonialgeschichte eintraten, weil damals jährlich
200 000 Deutsche auswanderten. Aber diese
Zahl ging bald auf das normale zurück, ja machte
einem Einwanderungsplus Platz. Deshalb schon
kam eine erhebliche Auswanderung nicht in Fluß,
ganz abgesehen davon, daß sich nach damaliger
Anschauung tropische Kolonien nicht zur Massen⸗
ansiedlung eigneten.
Es fragt sich nun, wie weit unsere Kolo—
nien diesen Anforderungen entsprochen
haben. Sie sind bekanntlich sechsmal so groß wie
Deutschland gewesen und zählien zuletzt 29000
Weiße und 12 Miillionen Farbige.
Von unseren Gegnern wird betont, daß die
Schutzgebiete uns noch nicht einmal 450/0 unseres
Einfuhrbedarfes lieferten. Aber man verschwieg
dabei, daß aus den noch so jungen Kolonien
bisher nur die Erstlinge der Ernten auf den
Markt gekommen waren, daß aber zehn- und
hundertfach soviel im Heranwachsen begriffen war,
und daß die Proben, die wir geliesert hatten,
einen begierigen Markt gefunden hatten. So
konnten die erweiterten Forderungsanlagen auf
unserer Südseeinsel Nauru nicht nur den deutschen,
sondern für viele Menschenalter den Wellibedar,
der Landwirtschaft an Phosphaten decken; Ostafrika
lieferte in Gestalt von Sisal alles, was Deutschland
für Schiffstaue und Stricke an Hanf brauchte;
die Bestände an Kokos- und Olpalmen in Afrika
und der Südsee genügten zuletzt schon für Deuisch—
lands gesamten Bedarf an Speisefetten; an
Kautschuk wuchs die Hälfte, an Kakao ein
Fünftel unseres Jahresverbrauchs in den Kolo—
nien heran und selbst für die Fleischversorgung
'am Deutsch-Ostafrika mit seinen 4 Millionen
Haupt Rindvieh und 7 Millionen Stück Klein—
vieh sehr wohl in Betracht. Ter Gesamthandel
wurde für 1920 auf 700 Millionen, für 1925
auf eine Milliarde berechnet, und nach einer
Autorität wie Professor Wohltmann konnten wir
mit Sicherheit darauf, rechnen, daß in einigen
Generationen unsere Kolonien alle unsere Be—
dürfnisse nach tropischen Produkten befriedigen
würden.
Den Geldwert unseres Kolonialbesitzes
zahlenmäßig zu errechnen, ist natürlich sehr schwer.
Haben wir doch geologisch den Boden kaum an—
gekratzt und sind doch weite Strecken, z. B. in
Neuguinea, noch von keines Weißen Fuß betreten
worden. Dennoch haben win gerade geologisch ein
Glück gehabt, das für die Zukunft zu den größten
Hoffnungen berechtigte. Wie Riesengeschenke sind
uns die 300 Millionen Tonnen Phosphate auf
den Südfeeinseln in den Schoß gefallen. Die
trostloseste Wüste in Südwest erwies sich eines
Tages als ein reiches Diamatengefilde, das bereits
200 Millionen Mark Erträgnisse gegeben hat. Die
stupferfunde in Tsumeb machten eine Bahn von
mehreren hundert Kilometern rentabel. In Ost—⸗
afrika wurde Salz, Glimmer und Gold abgebaut,
und viele Quadratmeilen des Natronsees sind mit
reiner Soda bedeckt. Und es ist kein Geheimnis
nehr, daß in Neuguinea kurz vor dem Kriege Gold
ind Platin, Petroleum und Kohle einwandfrei
ind abbauwürdig festgestellt ist. Dazu kommen
die ungeheuren Pflanz- und Weideflächen mit
hren Wild⸗ und Viehbeständen. In Deuisch—
Ostafrika spielt z. B. die Viehzucht nicht die Haupt⸗
rolle, und doch sind dort allein 10 Millionen Stück
Kieh vorhanden. Nehmen wir hinzu die Wald⸗
hestände, die namentlich in Kamerun und der
Südsee wertvoll sind, und dann auch die Werte,
die wir in den 40 Jahren unserer kolonialen
Tätigkeit geschaffen haben, die Städte und Häfen,
die wir gebaut, die 4000 kme Eisenbahn, die wir
vorgestreckt haben. Und dann die Pflanzungs⸗
internehmungen, deren rapide Entwicklung Bände
pricht: in zweimal 8 Jahren seit 1896 hat sich
zie unter Kultur genommene Fläche zweimal ver—
zierfacht. Alles dieses läßt Schlüsse auf Möglich—
eiten zu, die man auf 70 Milliarden Goldmark be—
echnet hat und läßt die Erklärung des Engländers
Morel in der Zeitschrift „Nation“, daß der Wert
riner unserer großen Kolonien die phantastischsten
driegsentschädigungsforderungen weit übersteigt,
nicht unberechtigt erscheinen.
Gemeinsam war allen Schutzgebieten
folgendes: Ein jedes unterstand einem Gouver⸗
neur, der von einem zum Teil aus Nichtbeamten, die
»on den europäischen Ansiedlern gewählt wurden,
»estehenden Gouvernements- oder Landesrat be—
aten wurde. Die Gouverneure unterstanden
»em Reichskanzler, der die Geschäfte der Kolonien
m Reichskolonialamt — Direktor Dr. Stübel,
eit 1906 Staatssekretäre Dernburg, v. Lindequist,
Dr. Solf —, die des Schutzgebiets Kiautschou
m Reichsmarineamt bearbeiten ließ. Unter den
Bouverneuren standen Bezirksamtmänner, denen
ein ähnlich gebildeter Bezirksrat zur Seite stand.
Aber die Farbigen übte der Bezirksamtmann,
iber die Weißen ein Bezirksrichter, in zweiter
Instanz über beide ein Oberrichter die Gerichts—
——
Weltpostverein angeschlossen und hatten zahlreiche
Post- und Telegraphenanstalten sowie Ortsfern⸗
prechnetze. Überall galt das metrische System
uind mit Ausnahme Teutschostafrikas die Reichs—
vährung. Die Zöolle betrugen mit wenigen Aus—
rahmen (Alkohol bis 1609/0, Tabak, Waffen und
Munition) 100/, des Einfuhrwertes. Zollfrei
)lieben außer Regierungsgütern, Maschinen,
Fisenhahn⸗ und Wegebaumaterial, Betriebsmittel.
Ausfuhrzölle kamen fast nur für Diamanten in
Südwestafrika (33230/5) 1911-12, fernerhin
ür Elfenbein (25940) und andere Erzeugnisse der
FJagd (Gehörne, Roͤbbenfelle), der Sammeltãtig⸗