Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  228

talen  Gesichtspunkte  aus  Trauer  hervorrufen,  denn  für  den  Staat  würde
daraus  kein  politisches  Übel  irgendwelcher  Art  erwachsen 1 ).
Mit  anderen  Worten,  die  offizielle  Regierung  ist  nur  eine  Fassade.
Ihre  Tätigkeit  wirkt  nur  auf  die  Oberfläche.  Die  Gesellschaft  kann  ohne
sie  existieren;  sie  würde  deshalb  nicht  weniger  gut  leben,  während  im
Gegenteil  der  Verlust  der  Gelehrten,  Industriellen,  Bankiers  und  Kaufleute ­
  die  Gesellschaft  in  das  größte  Unglück  stürzen  würde,  da  hierdurch
die  eigentlichen  Quellen  des  Lebens  und  des  Wohlbefindens  versiegen,
denn  die  Tätigkeit  dieser  Männer  allein  ist  wirklich  fruchtbar  und  notwendig. ­
  Sie  regieren  in  Wahrheit  und  sie  besitzen  die  wirkliche  und  tatsächliche ­
  Macht.  —  Das  ist  der  Sinn  des-Gleichnisses.
So  beruht  denn  für  einen  scharfen  Beobachter  die  Welt,  in  der
wir  leben,  ausschließlich  auf  der  Industrie.  Sie  allein  ist  würdig,  die
Aufmerksamkeit  ernsthafter  Menschen  auf  sich  zu  ziehen.  Ihr  Aufstieg ­
  ist  von  einer  langen  historischen  Entwicklung  vorbereitet  worden,
die  nach  Saint-Simon  im  12.  Jahrhundert  mit  der  Befreiung  der  Gemeinden ­
  begann  und  mit  der  französischen  Revolution  verwirklicht
Wurde 2 ).  Sie  ist  die  Grundtatsache  der  heutigen  Zeit.  Daher  blickt
er  mit  der  größten  Verachtung  auf  die  politischen  Beschäftigungen
seiner  Zeitgenossen  herab,  die  darin  bestanden,  die  Verfassung  von  1814
Zu  verteidigen  oder  zu  bekämpfen.  Die  Liberalen  sind  im  Irrtum,
^enn  sie  beständig  die  alten,  leeren  Formeln,  wie  „Souveränität  des
Volkes“,  „Freiheit“,  „Gleichheit“  Wiederkäuen,  sinnlose  Begriffe 3 ),
die  in  dem  metaphysischen  Gehirn  von  Juristen  entstanden  sind 4 ),
Ull d  deren  Aufgabe  mit  der  Vernichtung  des  Feudalismus  beendet  ist.
.  ')  L’Organisateur,  1.  Lieferung,  1819,  (S.  10—20).  Dieser  Absatz  wurde
dahr  1832  von  Olinde  Rodrigues  unter  dem  Namen  „Parabole  politique“  in  einem
and,  der  verschiedene  Werke  Saint-Simon’s  enthielt,  von  Neuem  herausgegeben.  —
Diolge  dieser  Veröffentlichung  mußte  er  sich  vor  dem  Schwurgericht  verantworten,
Ur<1 «  aber  freigesprochen.
j  .  !>Zur  Zeit  der  Selbständigmachung  der  Städte  (Communes)  sehen  wir  die
ustrielle  Klasse,  nachdem  sie  ihre  Freiheit  gewonnen  hat,  dazu  gelangen,  sich  politische
acht  zu  schaffen.  Diese  Macht  besteht  darin,  nicht  mehr  ohne  ihre  Zustimmung  be-2
  eiLer t  zu  werden.  Diese  Klasse  wächst  und  bereichert  sich  langsam,  gewinnt  zur  gleichen
( l| :l  an  Bedeutung,  und  ihre  soziale  Lage  verbessert  sich  in  jeder  Hinsicht,  während
und  . ass ® n >  die  man  ekklesiastische  und  feudale  nennen  kann,  beständig  an  Ansehen
wirklicher  Macht  verlieren:  ich  schließe  daraus,  daß  das  Wachstum  der  industriellen
asse  fortschreiten  muß,  bis  sie  die  ganze  Gesellschaft  umfaßt.  Dahin  streben  die
“ge,  dorthin  führt  unser  Weg“  (CEuvres,  II,  166,  Lettres  ä  un  Amöricain).
w  ,  )  üDie  Grundlage  der  Freiheit  ist  die  Industrie;  ...  nur  mit  ihr  kann  die  Freiheit
Tat  S< ?’  nur  durch  sie  kann  sie  erstarken.  Wenn  diese  Wahrheit,  die  auf  Grund  der
des  ah  S °  alt ’  aber  für  das  Denken  so  neu  ist >  anstatt  a11  der  lügnerischen  Träume
heit A  n  Ums  in  den  Köpfen  gelebt  hätte,  würden  wir  niemals  die  blutrünstige  Dumm-»Gleichheit
  oder  Tod“  gehört  haben“  (GSuvres  completes,  II,  S.  210—211).
lieht-  (  ” Juriste n  und  Metaphysiker  unterliegen  der  Gefahr,  die  Form  für  die  Wirk-Worte
  für  Dinge  anzusehen“  (Syst.  Ind.,  CEuvres  completes,  V,  S.  12)..
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.