Neue Weltanschauung.
378
Widerstand, nur im stillen noch empfanden selbst Kants Gegner
die Gewalt des „Allzermalmers“.
Und gewiß lag, ganz abgesehen von den besonderen Zeit⸗
bedürfnissen, in der Einseitigkeit dieser Religionslehre, die an
allen rituellen und kultischen Formen der Religion, an allen
inneren Abhängigkeitsgefühlen und Empfindungsbedürfnissen
des Menschenherzens erhabenen Schrittes vorüberzugehen schien,
ein wunderbares Pathos, das mehr als zu fesseln, das zu be⸗
geistern vermochte. Die bloße Vernunftlehre der natürlichen
Religion erschien hier dem Christentum aufs engste angenähert
und doch zugleich auch aufs innigste verknüpft mit der sitt⸗
lichen Wucht des kategorischen Imperativs: endlich wieder
hörte man in der schlaffen und geistig so lange ausschweifenden
Zeit entscheidend den ehernen Ruf der Pflicht; und in ihm
schien der Glaube der Väter, vielfach schon wankend und
durch vermeintliche Gottesbeweise wie durch den Spott eines
von Frankreich herübertönenden Materialismus gleich stark zer⸗
fressen, noch einmal in neuer Form einem neuen Zeitalter ge⸗
sichert.
Und eins jedenfalls war klar: den ethischen Fragen war
seit Kants praktischen Lehren ein Feld der Erörterung er—
öffnet, wie sie es in dieser Ausdehnung seit lange nicht und
selbst in den Zeiten höchster Aufklärung niemals gefunden
hatten.
6. Aber war nun der Philosoph, der Denker, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am ehesten berufen,
ethische Fragen, ja noch weiter: Fragen der eigentlichen Welt⸗
anschauung zu lösen, insofern diese die engeren Bereiche der
Psychologie und Erkenntnistheorie überschritten? Wer diese
Fragen unter vollstem Überblick über das Wesen der Zeit und
all seine Ausgestaltungen zu beantworten sucht, der wird ge—
neigt sein, sie zu verneinen. Erste Perioden neuer großer
Zeitalter, wie die Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eine solche war, pflegen überhaupt den Aufgaben, deren Lösung
ihnen zunächst obliegt, nicht mit der kühlen Stirn des reinen