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Geisteswissenschaften ganz verschiedenen Charakter tragen, daß große
Naturforscher und große Menschenforscher aus ganz verschiedenen!
Holze geschnitzt werden.
Selbstverständlich werden sie in vielem einander ähneln. Der
große Denker wird immer bestimmte Züge tragen, die ihn vom
wissenschaftlichen Schuster ebenso unterscheiden wie von dem bedeu
tenden Menschen anderer Begabung. Er wird einen umfassenden
Überblick über alles Tatsächliche haben. Dazu die Fähigkeit der
Abstraktion und doch eine große sinnliche Schau. Er wird ein
scharfes Unterscheidungsvermögen und Sinn für das Wesentliche be
sitzen. Eine große Darstellungskraft und große Arbeitsenergie. Und
er wird vor allem dadurch von dem gewöhnlichen Handwerker unter
schieden sein, daß sein bestes Schaffen aus den Tiefen seiner Seele
ungewollt hervorbricht und unterhalb der Schwelle des Bewußtseins
sich abspielt.
Dann aber: wie grundverschieden sind die Aufgaben, die des
Naturforschers harren, von denen, die der Menschheitsforscher zu lösen
hat; wie grundverschieden also muß die Begabung der beiden sein,
damit sie je auf ihrem Gebiete Großes leisten!
Was den bedeutenden Naturforscher macht, ist die Fähigkeit,
angefangene Gedankengänge bis zu Ende zu führen, das heißt bis
zu dem Punkte, wo eine Fülle von Erscheinungen sich durch eine
denkbar einfache Formel beschreiben läßt. Er ist immer ein Vollender.
Und was ihn befähigt, dies zu sein, ist seine überragend große Abs-
traktionskraft. Er muß ein genialer Rechner sein, der mit endlosen
Zahlenreihen ins Bett geht und am nächsten Morgen im Stande ist,
dasselbe Zahlen- oder Körperbild unverändert vor seinem geistigen
Auge erstehen zu lassen. Er muß ein geschickter Kombinator sein,
der hundert mögliche Gestaltungen sich vorzustellen die Kraft hat,