Object: Abriss einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren

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werden; und so ist es gut verständlich, daß unsere auf das Praktische 
gerichtete Zeit diesen theorethischen Betrachtungen keinen rechten 
Wert mehr beimißt und sie vernachlässigt hat, ob zum Vorteile der 
Nationalökonomie, die, wie die meisten anderen Wissenschaften sich 
in Einzelheiten zu verlieren droht, muß dahingestellt bleiben. 
Was heißt nun, um uns im Anschluß hieran auch über den Be 
griff der Produktionsfaktoren, denen unsere kleine Abhandlung ge 
widmet ist, klar zu werden, „produzieren“? 
Die älteste Antwort auf diese Frage finden wir bei den Physio- 
kraten, die darunter das Neuschaffen von Stoffen verstehen 1 ). Es 
ist daher der Vorrang, den sie der Landwirtschaft als dem einzigen 
Gewerbe zuschreiben, das diese Eigenschaft haben soll, leicht erklär 
lich. Aber schon ein geringes Nachdenken wird zeigen, daß diese 
Definition der Produktion zurückzuweisen ist. Wir können zu dem 
von Anfang an vorhandenen Stoff und Kraft nicht das geringste hin 
zutun und ebensowenig etwas von ihm fortnehmen; das einzige, was 
wir können, ist, die von der Natur gelieferten Stoffe und Kräfte für 
unsere Zwecke umzuformen und brauchbar zu machen, und eine nähere 
Überlegung wird zeigen, daß sich Landwirtschaft und Industrie hierin 
völlig gleich stehen. Der Bauer pflügt und eggt den Boden und 
bringt ihn dadurch in eine lockere Lage, er düngt ihn mit den Salzen, 
die er etwa nicht mehr in ausreichender Menge haben sollte, und legt 
den Samen in den sorgfältig zubereiteten Boden. Die Natur ver 
wandelt dann im Laufe des Sommers die mineralischen Stoffe, die im 
Boden enthalten sind, in vegetabilische, ein Vorgang, den wir Wachs 
tum der Pflanzen nennen. Und so können wir in der Landwirtschaft 
jedes beliebige Beispiel vornehmen, immer wird sich dasselbe Bild 
zeigen: Umwandlung von Stoffen, die für den Menschen nicht un 
mittelbar brauchbar sind, in solche, die diese Eigenschaft haben. Und 
wie sieht es in der Industrie aus? Sie formt beispielsweise einen 
Klumpen Koheisen, mit dem an und für sich nichts anzufangen ist, 
in eine Maschine um, einen Haufen Wolle in Kleidungsstücke usw. 
Der Handel schließlich nimmt zwar keine Veränderungen mehr an 
dem Produkte vor, aber er gibt ihm, ganz allgemein gesprochen, als 
Ganzem diejenige Lage, in dem es die beste Verwendung findet, er 
schafft es dorthin, wo es gebraucht wird. 
Wir bemerken also: was für eine Tätigkeit wir auch immer heraus- 
J ) Brentano, Der Unternehmer, in den ,Volkswirtschaftlichen Zeitfragen“,, 
Jahrgang 29, Heft 1, S. 1 ff.
	        
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