451 —
jene Beschuldignng, daß die historische Schule nur einseitig theo-
retisch vorging, als völlig unbegründet zurückweisen müssen. Der
zweite und dritte Band des Rocherschen Lehrbuches enthalten das
Material in überreicher Fülle, um sich über die praktischen Aufgaben
der Zeit genügend zu informieren. Daß aber die neuere historische
Schule in derselben Weise vorgegangen ist, bedarf keiner weiteren
Ausführung, und der beste Beleg dafür war die Gründung des „Vereins
für Sozialpolitik“ im Jahre 1872, der sich zur Aufgabe stellte, dem
freihändlerischen Treiben des 1858 gegründeten „volkswirtschaftlichen
Kongresses“ entgegenzutreten, durch gründliche, rein wissenschaftliche
Untersuchungen der wirtschaftlichen Zustände und Drucklegung der-
selben zur Klärung der Anschauungen beizutragen und durch öffent-
liche Diskussionen über die gesetzgeberischen Aufgaben in Deutschland
die extrem liberalen Anschauungen zu bekämpfen. Er stellte es sich
zur besonderen Aufgabe, das Eingreifen der Staatsgewalt, namentlich
zum Schutze der unteren Klassen, als notwendig nachzuweisen und zu
untersuchen, wie weit sich dies als erforderlich ergibt, somit unmittel-
bar in das praktische Leben einzugreifen. Die Gründer dieses Vereins
waren hauptsächlich Dozenten der Nationalökonomie, und unter ihnen
auch die Hauptführer der neueren historischen Richtung. Ja wir gehen
einen Schritt weiter und behaupten im Gegensatze zu der gewöhnlichen
Auffassung, daß die historische Schule weit mehr für die Volks-
wirtschaftspolitik als für die Nationalökomie geleistet hat, und daß
sie ihre hauptsächliche Berechtigung gerade darin zu finden vermag,
daß für die Fortbildung der Gesetzgebung das Studium der historischen
Entwicklung unerläßlich ist. Die Theorie haben in der neueren Zeit
auf deutschem Boden hauptsächlich Männer wie Neumann, Adolf
Wagner, Dietzel u. A. wesentlich gefördert, dagegen nur wenig
die Historiker. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß sie
der deduktiven Methode, dann dem Ausbau der Begriffsdefinitionen
ein zu geringes Interesse, ja man kann sagen, Mißachtung (Adolf
Held, Brentano) entgegenbrachten, obwohl die Feststellung der
Grundbegriffe naturgemäß die erste Aufgabe für eine jede Wissenschaft
ist, wofür in der jungen Disziplin der politischen Oekonomie noch un-
endlich viel zu tun ist, und obwohl Deduktion bei keiner wissenschaft-
lichen Forschung entbehrt werden kann.
Nach dieser Richtung ist besonders die Wiener Schule, die sich
die exakte nennt (Carl Menger, von Böhm-Bawerk, von
Wieser u. A.), erfolgreich aufgetreten, der wir wesentliche Anregung
und Aufklärung über verschiedene theoretische Fragen verdanken.
Die Wiener Schule geht von dem einzelnen Menschen in seiner
Isoliertheit . aus und sucht aus seiner Natur die wirtschaftlichen
Handlungen zu erklären und vorauszubestimmen. Sie hat bewiesen,
daß sich dadurch wichtige Aufschlüsse über komplizierte Vorgänge
im Wirtschaftsleben gewinnen lassen, aber ebenso, daß man damit
allein nicht auskommt. Sie hat gerade der Volkswirtschaftspolitik
ım ganzen nur wenig Aufmerksamkeit zugewendet, schon mehr deı
Finanzwissenschaft. So ergänzen sich beide Richtungen in vortreff.
licher Weise,
Die Adam Smithsche Schule trennte in ihrer Untersuchung das
wirtschaftliche Leben von dem politischen und sozialen. Sie be-
trachtete es gewissermaßen außerhalb des Staates. Wir sahen, daß
dem gegenüber schon Sismondi mit Nachdruck hervorhob, daß das
DO*
Wiener
Schnle.
Berücksicht
gung des
ethischen
Momentes