Full text: Nationalökonomie (1.1915)

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jene Beschuldignng, daß die historische Schule nur einseitig theo- 
retisch vorging, als völlig unbegründet zurückweisen müssen. Der 
zweite und dritte Band des Rocherschen Lehrbuches enthalten das 
Material in überreicher Fülle, um sich über die praktischen Aufgaben 
der Zeit genügend zu informieren. Daß aber die neuere historische 
Schule in derselben Weise vorgegangen ist, bedarf keiner weiteren 
Ausführung, und der beste Beleg dafür war die Gründung des „Vereins 
für Sozialpolitik“ im Jahre 1872, der sich zur Aufgabe stellte, dem 
freihändlerischen Treiben des 1858 gegründeten „volkswirtschaftlichen 
Kongresses“ entgegenzutreten, durch gründliche, rein wissenschaftliche 
Untersuchungen der wirtschaftlichen Zustände und Drucklegung der- 
selben zur Klärung der Anschauungen beizutragen und durch öffent- 
liche Diskussionen über die gesetzgeberischen Aufgaben in Deutschland 
die extrem liberalen Anschauungen zu bekämpfen. Er stellte es sich 
zur besonderen Aufgabe, das Eingreifen der Staatsgewalt, namentlich 
zum Schutze der unteren Klassen, als notwendig nachzuweisen und zu 
untersuchen, wie weit sich dies als erforderlich ergibt, somit unmittel- 
bar in das praktische Leben einzugreifen. Die Gründer dieses Vereins 
waren hauptsächlich Dozenten der Nationalökonomie, und unter ihnen 
auch die Hauptführer der neueren historischen Richtung. Ja wir gehen 
einen Schritt weiter und behaupten im Gegensatze zu der gewöhnlichen 
Auffassung, daß die historische Schule weit mehr für die Volks- 
wirtschaftspolitik als für die Nationalökomie geleistet hat, und daß 
sie ihre hauptsächliche Berechtigung gerade darin zu finden vermag, 
daß für die Fortbildung der Gesetzgebung das Studium der historischen 
Entwicklung unerläßlich ist. Die Theorie haben in der neueren Zeit 
auf deutschem Boden hauptsächlich Männer wie Neumann, Adolf 
Wagner, Dietzel u. A. wesentlich gefördert, dagegen nur wenig 
die Historiker. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß sie 
der deduktiven Methode, dann dem Ausbau der Begriffsdefinitionen 
ein zu geringes Interesse, ja man kann sagen, Mißachtung (Adolf 
Held, Brentano) entgegenbrachten, obwohl die Feststellung der 
Grundbegriffe naturgemäß die erste Aufgabe für eine jede Wissenschaft 
ist, wofür in der jungen Disziplin der politischen Oekonomie noch un- 
endlich viel zu tun ist, und obwohl Deduktion bei keiner wissenschaft- 
lichen Forschung entbehrt werden kann. 
Nach dieser Richtung ist besonders die Wiener Schule, die sich 
die exakte nennt (Carl Menger, von Böhm-Bawerk, von 
Wieser u. A.), erfolgreich aufgetreten, der wir wesentliche Anregung 
und Aufklärung über verschiedene theoretische Fragen verdanken. 
Die Wiener Schule geht von dem einzelnen Menschen in seiner 
Isoliertheit . aus und sucht aus seiner Natur die wirtschaftlichen 
Handlungen zu erklären und vorauszubestimmen. Sie hat bewiesen, 
daß sich dadurch wichtige Aufschlüsse über komplizierte Vorgänge 
im Wirtschaftsleben gewinnen lassen, aber ebenso, daß man damit 
allein nicht auskommt. Sie hat gerade der Volkswirtschaftspolitik 
ım ganzen nur wenig Aufmerksamkeit zugewendet, schon mehr deı 
Finanzwissenschaft. So ergänzen sich beide Richtungen in vortreff. 
licher Weise, 
Die Adam Smithsche Schule trennte in ihrer Untersuchung das 
wirtschaftliche Leben von dem politischen und sozialen. Sie be- 
trachtete es gewissermaßen außerhalb des Staates. Wir sahen, daß 
dem gegenüber schon Sismondi mit Nachdruck hervorhob, daß das 
DO* 
Wiener 
Schnle. 
Berücksicht 
gung des 
ethischen 
Momentes
	        
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