50 Prof, Dr. Moldenhauer:
würdig konservativen Charakter, der dem deutschen Parteileben
anhaftet, sind diese Zusammenhänge auch in der heutigen Demokra-
tischen Partei unverkennbar und üben gerade in wirtschaftlichen Fragen
ihren Einfluß aus, wenn auch diese Einwirkung heute unendlich geringer
ist. Daß ein Vorkämpfer des wirtschaftlichen Liberalismus wie Gothein
so stark in den Hintergrund gedrückt ist, und Männer wie Erkelenz und
andere in den Vordergrund treten, ist kein reiner Zufall,
IL Die Berufsstände und die politischen Parteien.
Es liegt auf der Hand, daß die einzelnen Erwerbsgruppen ver-
suchen, auf die politischen Parteien Einfluß zu gewinnen, weil diese
wiederum durch ihre Entscheidungen die Wirtschaftspolitik unmittelbar
beeinflussen und damit auch an die Belange der einzelnen Berufsstände
rühren. Um so stärker wird das Streben der Berufsstände sein, je
mehr die Politik von den Parteien allein abhängt; aber auch um so
mehr dieses Drängen, je mehr wirtschaftliche Fragen im Vordergrund
stehen. Die Nationalversammlung der Paulskirche hatte eine rein
politische Aufgabe. Die Wirtschaftsgruppen traten infolgedessen
zurück, Die Kämpfe um die preußische Verfassung, die Zeit der
Reichsgründung, der darauf einsetzende Kulturkampf ließ ebenfalls
die politische Idee in den Vordergrund treten, Aber bald spielten im
politischen Kampfe auch die wirtschaftlichen Interessengegensätze eine
Rolle, wie sie zum erstenmal bei dem Zolltarif von 1879 zutage traten.
Dazu kam die neu emporsteigende Sozialdemokratische Partei, durch
die ein bestimmter Berufsstand, die Arbeitnehmerschaft, seine besonde-
ren wirtschaftlichen Interessen zu vertreten suchte. Die Not der Land-
wirtschaft, die durch die Caprivischen Handelsverträge der 90er Jahre
vergrößert wurde, führte dazu, daß der Bund der Landwirte stärkeren
Einfluß auf die Konservativen zu gewinnen suchte und tatsächlich auch
einen solchen Einfluß in hohem Maße gewann, Die Nachkriegszeit hat
die wirtschaftlichen Fragen in den Vordergrund gedrängt, so sehr, daß
Rathenau einmal das Wort wagen konnte: „Die Wirtschaft ist das
Schicksal!“ Berücksichtigt man die gesteigerte Macht der Parteien,
berücksichtigt man aber auch das heutige Listenwahlsystem, so begreift
man die Versuche der Berufsstände, den Parteien ihren Kandidaten
aufzuzwingen, gerade als Vertreter eines bestimmten Berufsstandes, In
mancher Beziehung hat der Reichslandbund die Traditionen des Bundes
der Landwirte aufgenommen, wenn er auch sich in stärkerem Maße
bemüht, den einzelnen bürgerlichen Parteien gegenüber neutral zu
bleiben. Um die Seele des Zentrums ringen Landwirtschaft und
Industrie auf der einen, die christlichen Gewerkschaften auf der
anderen Seite. Trotzdem versuchen die bürgerlichen Parteien die