4. Der Kampf gegen die Verschwendung in der Industrie.
Der grösste Fehler wäre, wenn man die amerikanische Wirtschaft
als ein wundersam organisches Gefüge betrachten wollte. Das
gerade Gegenteil ist der Fall. Deswegen ist es eigentlich nicht das
Wunder, dass jenes Land von schier unendlich erscheinenden öko-
Nomischen Kräften übersprudelt, viel erstaunlicher ist, dass die
Widersprüche sich doch zum Ganzen fügen, dass dieser kapita-
listische Turm zuBabel unerschütterlicherscheint und weiter wächst.
Der Verschwendungskoeifizient der Produktion ist in den Ver-
einigten Staaten für unsere Begriffe ausserordentlich hoch. Es wird
vieles weggeworfen, was bei uns in der verarmten deutschen Wirt-
schaft als hoher Wert gilt. Viele bedeutende Betriebe verachten
noch heute Nebenprodukte und Abfälle in einem Ausmasse, dass
diese Verschwendung erschreckend wirkt.
Man erlebt in Amerika aber noch eine andere Art von Ver-
schwendung. Die Vereinigten Staaten wirken auf den Beobachter
wie ein kapitalistischer Garten Eden, in dem alles wahllos blüht und
wuchert, in dem sich niemand darum kümmert, was umkommt oder
zertreten wird...
Um nur ein Beispiel für viele zu geben, sei hier festgehalten, dass
in der amerikanischen Automobilindustrie trotz Ford die gegen-
seitige Konkurrenz ganz ausserordentlich zross ist, dass dennoch
immer wieder neue Automobilfabriken entstehen, die wieder zu-
sammenbrechen oder andere vernichten. In den Jahren von 1913
bis 1924 sind in den Vereinigten Staaten rund 20 Automobilfabriken,
darunter solche mit grossen Jahresproduktionen, entstanden und
verblüht. Zum Teil hat daran allerdings auch der Krieg mitgewirkt.
Die Leistungsfähigkeit der bestehenden Automobilfabriken ist
ebensowenig voll ausgenützt wie z. B. die der Kohlengruben, der
Mühlen oder der Schuhfabriken.
Der Arbeitsminister Davis veröffentlichtein der offiziellen Monats-
Zeitschrift seines Ministeriums zufällig im September 1925 bis ins
Einzelne gehende Ziffern über die mangelhafte wirtschaftliche
Nutzung wichtigster Industrien. Er stellte fest, dass die amerika-
Nische Schuhindustrie bei voller Beschäftigung in der Lage sei, den
Stiefelbedarf der ganzen Welt zu decken. Sowohl ihr Beschäifti-
SUNSSZTad wie der der Mühlen- und Kohlenindustrie liege zwischen
einem Viertel und einem Drittel ihrer Kapazität, ihrer Leistungs-
möglichkeit.
Man hat in Amerika den Eindruck, als ob die Menschenmassen
den Städten über den Kopf gewachsen seien, sie ständig sprengen
wollten, dass aber zugleich die Waren, die vergegenständlichte Pro-
duktionskraft dieser Menschen, sie selbst im Übermass ihrer Mengen
ersäufen möchten. Man meint, das Herankommen einer Krise des
Überflusses körperlich zu fühlen.
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