— 61 —
überhaupt nicht eine soziale — geschweige denn gar bloß „im
engen Horizont des bürgerlichen Rechts“ liegende —, sondern
natürliche Knappheit an Gütern ist, Zwar soll und kann das
naturgegebene Mißverhältnis zwischen dem menschlichen Lebens-
bedarf und den zu seiner Befriedigung verfügbaren Mitteln eben
durch das Wirtschaften, durch eine Vermehrung der nutzbaren
Güter, eine Erweiterung des „Nahrungsspielraums“ gebessert
werden, — die Steigerung der Bedürfnisse folgt jedoch immer
schnell genug nach, um die endgültige Beseitigung der Spannung
zu vereiteln. Nicht also aus sozial-rechtlichen, sondern aus natürlich-
menschlichen Gründen darf man nicht mit der Möglichkeit rechnen,
daß einmal ein „Jeder frei nehmen wird nach seinen Bedürfnissen“,
— es sei denn, daß infolge langdauernder Gemeinschaftserziehung
die individuellen Bedürfnisse sich einmal ganz von selbst in die
Grenzen des gesellschaftswirtschaftlich „Vernünftigen‘“ einpassen.
Selbst in diesem letzten Fall aber liegt noch eine — wenngleich
nicht juristische, sondern sozialpädagogische — Beschränkung des
„Frei-Nehmens“ vor.
II.
Den scheinbaren Gegenpol des zentralistischen Obrigkeits-
Kommunismus bildet der Anarchismus. Indessen ist der Gegen-
satz in Wahrheit nicht so scharf, wie man zumeist annimmt. Nur
der Zwang der zentralistischen Ordnung wird von ihm bekämpft.
Das Bild der gesellschaftlichen Wirtschaft aber entspricht bei den
meisten Anarchisten der von Lenin gezeichneten „höheren Phase
der kommunistischen Gesellschaft“,
Kropotkin bezeichnet seine Richtung sogar ausdrücklich als
_‚anarchistischen Kommunismus‘‘: ‚, Jede Gesellschaft, welche mit demPrivat-
eigentum gebrochen hat, wird nach unserer Meinung gezwungen sein, sich in
anarchistisch-kommunistischer Form zu organisieren. Die Anarchie führt
zum Kommunismus und der Kommunismus zur Anarchie. Das eine wie das
andere ist nur der Ausdruck einer in den modernen Gesellschaften vorherr-
schenden Tendenz: des Strebens nach der Gleichheit“ (Brot, S. 10).
Der Unterschied ist der, daß die Zentralisten das Gesamt-
interesse rücksichtslos über die Einzelwünsche stellen und daher
die Zwangsorganisation einer streng durchgeführten Verwaltungs-
wirtschaft fordern und nur allenfalls auf einer höheren Stufe „ab-
sterben“ lassen, — während die Anarchisten die „freie Gesell-
schaft“ in den Vordergrund stellen, die Freiwilligkeit der
„gegenseitigen Hilfe“ betonen und bloß für den Notfall