190 J Zwanzigstes Buch. Erstes LKapitel.
allem den Profanbau gepflegt und besaß die Verheißung einer
weiten Verbreitung in den Ländern des protestantischen Nordens.
Ehe indes diese Lage, etwa um die Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts, klar zutage trat, hatte die vlämische Kunst wie auch
die holländische im Wettstreit mit der italienischen schon fast
ein Jahrhundert auf die binnendeutsche Architektur eingewirkt;
und gleichzeitig hatte diese, landschaftlich vielfach abweichender
Entwicklung unterliegend, doch vor allem dem Drucke der
Formenwelt des nationalen, außerordentlich hochentwickelten
—RD— so war denn
jener bunte Reichtum der spezifisch deutschen Renaissancebauten
emporgeblüht, der freudig, aber fast systemlos eine Welt ewiger
Abwechslung umfaßt, der selbstbewußt und doch ein wenig
zerfahren in der sich unendlich wandelnden Eigenart seiner
Formen jeder Stimmung, jeder Heimlichkeit, ja jeder Erinnerung
fast des Daseins gerecht wird.
Es war ein Stil voll Humor, voll Häuslichkeit, traut und
neckisch: das volle Gegenteil der geregelten, bei höchster Anmut
doch wohlüberlegten italienischen Renaissance. Es war ein Stil,
—— trefflich entgegen⸗
kam, dem aber so ziemlich alles fehlte, was ihn zum systematischen
Ausdrucke des besonderen architektonischen Könnens und der ent—
wicklungsgeschichtlichen ästhetischen Anschauung der Zeit hätte
machen können.
So kann er auch nicht als der für das Zeitalter des 16.
bis 18. Jahrhunderts eigentlich charakteristische Stil bezeichnet
werden; schon sein bunt zusammengesetztes Herkunftszeugnis ver⸗
bietet das. Der bezeichnende, der entwicklungsgeschichtliche Stil
des Zeitalters ist vielmehr das Barock und dessen Folgeerscheinung,
das Rokoko.
Das Barock ist in Italien entstanden; aber es hat, soweit
es Ausdruck gemeinsamer künstlerischer Auffassungen der abend⸗
ländischen Kulturwelt war, seinen Weg durch West⸗ und Zentral⸗
europa gemacht, bald mehr, bald minder gepflegt; und auch
auf deutschem Boden ist es nicht bloß aufgenommen, sondern
zugleich auch mit erzeugt worden. Im Übermaße seiner Formen⸗