fullscreen: Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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l ) 0. E. I, 81. 
er immer wieder zurückkehrte, war aber derjenige seiner Erzieher; 
er hat es seihst ganz naiv ausgesprochen 1 ): 
Ich suche seit einem halben Jahrhundert die glücklichen Gesellschaften, 
die meinen Mitbürgern als Muster vorgehalten werden können. Ich habe bei 
dieser schwierigen Materie immer zunächst versucht, mich dem Drucke der 
vorgefaßten Anschauungen zu entziehen; nachdem ich alle zeitgenössischen 
Neuerer angehört hatte, bin ich immer zu der Wahrheit zurückgeführt 
worden, die ich seit meinem fünften Jahre von meiner Mutter empfangen hatte: 
ich erkannte mehr und mehr als Kriterium des Glücks und Gedeihens das sitt 
liche Lehen und das tägliche Brot. 
Indem Le Play der Scylla des Zeitgeistes entging, fiel er der 
Charybdis der Vorstellungen anheim, welche seine Erzieher ihm ein 
gepflanzt hatten. 
Diese Vorstellungen waren nicht falsch, aber zu allgemein und 
unvollständig; das ist die Wahrnehmung, die sich uns immer wieder 
aufdrängt. Le Play wollte „Musterbilder glücklicher Völker“ 
suchen, die als Vorbilder für Frankreich dienen sollten. Die „Tra 
dition des Guten und des Friedens“ wollte er in Tätigkeit sehen, 
um ihre Prinzipien für Frankreich nutzbar zu machen, wenigstens 
dem französischen Denken näher zu bringen. Das war keine klar 
umschriebene Aufgabe. Für den Begriff „Glück“ hat Le Play 
mehrere Bezeichnungen. Einmal „bien-etre“, das materielle Wohl 
ergehen des einzelnen, dann „bonheur“, das physische und 
moralische Wohlergehen; letzterem entspricht für die Gesellschaft 
„prosperite“. Alle sind zurückzuführen auf „die andauernde 
Wirkung des Guten“, worunter Le Play die Prinzipien der „Consti 
tution essentielle“ und das dadurch verwirklichte praktische System 
versteht. Welche Unbestimmtheit der Begriffe für eine exakte 
Untersuchung! Und welches fortgesetzte Sichdrehen im gleichen 
Kreise! 
Die unklaren Bewertungs-Maßstäbe mußten Le Play dazu ver 
führen, die von ihm beobachteten Tatsachen des Lebens in die 
fertigen Fächer seiner Begriffe einzuordnen, statt umgekehrt letztere 
aus den Beobachtungen selbst zu bilden. Mit anderen Worten: Le 
Play verfuhr, ganz gegen seine eigene Absicht, überwiegend 
deduktiv. Wie konnte er selbst in diesen von ihm so scharf er 
kannten und gerügten Fehler verfallen? Die Antwort lautet: weil 
seine induktive Methode ein Torso blieb, und weil die breiten 
Lücken seiner Methode ihn zwangen, sie mit Hilfe jener vagen
	        
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