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in geänderter zeitgemäßer Form denselben Gedanken anstrebt, den
im Mittelalter die Zünfte verwirklichten. Die Kartelle verfolgen das
nämliche Ziel, das die mittelalterlichen Zünfte verfolgten. Wie diese
wollen sie die Produktion dem Bedarfe anpassen, d. h. sie wollen,
daß im ganzen und großen nicht mehr produziert werde als die
Gesamtheit benötigt und ebenso wie die Zünfte wollen auch die
Kartelle, daß die Produktion in angemessener Weise unter die ein-
zelnen Produzenten verteilt werde“,
Auch Brentano erklärte 1888 in seinem Wiener Vortrage
über Kartellel): „Niemand, der sich je mit der mittelalterlichen
Wirtschaftsorganisation befaßt hat, kann sich wohl der Erinnerung
erwehren an die analogen Preisbestimmungen und Produktionsregeln
der Zünfte 2).“
Im Rahmen von Studien über die Gewerbegeschichte einzelner
Orte hat dann Eulenburg mehrfach auf den kartellmäßigen Cha-
rakter von Abreden der Handwerker hingewiesen. So sagt er in
einer Studie über Breslau®): „Daß auch die „Überproduktion“ keines-
wegs eine moderne Eigenheit ist, die der Vergangenheit fremd war,
sollten doch die wiederholten Produktionsbeschränkungen der zahl-
reichen „Einungen“ hinreichend beweisen. So haben z. B., um für
Breslau nur ein Beispiel zu geben, die Gürtler im Jahre 1458 die
wöchentliche Arbeit für zwei Jahre gleichmäßig auf höchstens vier
Stück Leder beschränkt. Und als dieses Mittel auch noch keine Ab-
hilfe brachte, wurde bald darauf eine Preisvereinbarung für ein Jahr
festgesetzt, der der Rat seine Zustimmung gab. Aber nach etlichen
Jahren zeigte es sich von neuem, daß sie „undereinander zu vil arbeit
machen und allzuvil leder hatten, dodurch sie grundlich musten ver-
terben.“ Darum wird von neuem eine Kontingentierung der Arbeit
l) Mitteilungen der Gesellschaft österreichischer Volkswirte. ı. Jahrg., 1888/80
Wien 1889, S. 83.
?) Rudolf Meyer sagt in seinem Buche „Der Capitalismus fin de siecle“
(Wien 1894), S. 296: „Im Kartell haben wir den Anfang der industriellen Zunft vor uns.
Ihr Vorbild, die mittelalterliche Zunft, entstand ja auch aus der freien, anarchischen
Produktion der einzelnen Handwerker in den jungen Städten. Da gab es keinen Aus-
Schluß der Frau von der gewerblichen Produktion, keine Meister- und Gesellenvereine.
Jeder produzierte, wie und was er konnte und mochte. Erst als eine genügende Anzahl
solcher Handwerksmeister genügende eigene Produktionsmittel besaß, als das für ihre
Produktionsstufe nötige Kapital genügend konzentriert war, erst da ‚,kartellierten“
sie, schufen sie die feste Produktionsorganisation der Zünfte.‘
Keel, Industrielle und kommerzielle Ringe und Kartelle (Jur. Diss. Zürich
1897) beginnt seine Arbeit mit einer eingehenden Darlegung des kartellmäßigen Charak-
ters der Zünfte.
X Vierteliahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. 2 (1904), S. 270.