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weiter die Mentalität der Landwirte, die sich zur Einfügung in einen
fester gefügten Zusammenschluß sehr schwer bewegen lassen. Zu
beachten ist auch, daß die Öffentlichkeit gegen Bestrebungen zur
Kartellierung von Lebensmitteln sehr viel schärfer reagiert als gegen-
über den meisten industriellen Kartellen. Alle diese Gründe lassen es
erklärlich erscheinen, daß es bisher in der Landwirtschaft nur ver-
hältnismäßig selten zu Kartellbildungen gekommen ist; als unmöglich
können sie aber deshalb nicht angesehen werden *).
Sehr gut hat schon 1898 Schäf fle in seinem Aufsatz Zum Kartellwesen
und zur Kartellpolitik?) die wichtigsten hier in Betracht kommenden Gesichts-
punkte hervorgehoben. Da seine Ausführungen merkwürdigerweise von allen, die
später über diese Frage geschrieben haben, übersehen sind, gebe ich sie hier in ex-
tenso wieder: ‚,Das Bedürfnis, den Wirkungen wilder Konkurrenz bei planloser
Produktion durch Unternehmerverbände zu begegnen, wäre in der Landwirtschaft
an sich stark, stärker vielleicht als in jedem anderen Unternehmungszweige vorhanden.
Da für die Massenprodukte der Landwirtschaft eine einzige Monopolunternehmung, ein
Trust, die Zusammenfassung zu einem einzigen Geschäft nicht möglich ist, wäre es
denkbar, daß gerade durch Jandwirtschaftliche Unternehmerverbände, also kartell-
mäßig, den Schäden planloser Konkurrenz gesteuert werden wollte. Wenn das bis jetzt
nicht geschehen und vorläufig nur für die landwirtschaftliche Brennerei geplant ist,
so muß dies seinen Grund in besonderen Schwierigkeiten landwirtschaftlicher Kartell-
bildung haben.
Diese Schwierigkeiten sind in der Tat auch viel größer als in der Industrie und
im großen Transport. Sie sind mehrfach hervorgehoben. Bei den Hauptprodukten
der Landwirtschaft sind es so zahlreiche Unternehmer, daß es besonders schwer ist,
sie in einem einzigen monopolmächtigen Verbande zusammenzufassen. Die einzelnen
Landwirte sind auch sehr zerstreut, so daß sie sich schon national, geschweige inter-
national nicht leicht unter den Kartellhut bringen lassen, auch wenn Schutzzölle zur
Beförderung der Kartellierung beliebt werden. Fände für ein bestimmtes Produkt Kar-
Nebenprodukt einer anderen Gewinnung darstellt (so z. B. vielfach Schwefelsäure,
Gas, Koks, Melasse).
1) Kurt Ritter schießt deshalb über das Ziel hianus, wenn er (Absatz und
Standardisierung landwirtschaftlicher Produkte. 2. Aufl., Berlin 1926, S. ır) sagt:
„Ich muß betonen, daß es mir nicht möglich erscheint, landwirtschaftliche Kartelle
einzurichten, weil in der Landwirtschaft die Zahl der Anbieter viel zu groß ist. Fünf
Filzfabrikanten kann ich unter einen Hut bringen; aber Millionen von Landwirten
kann ich nicht durch Kartellbildung zu einer geschlossenen Anbieterfront einen; eher
geht dies durch Genossenschaften. Ferner kommt die Kartellierung für die Landwirt-
schaft deshalb nicht in Betracht, weil die jährlichen Ernten hinsichtlich ihres Um-
fangs dauernd schwanken. In der Industrie kann man vereinbaren: du machst so viel
Filz, und du so viel; wenn du mehr machst, wird dich der Teufel holen. In der Land-
wirtschaft kann man aber nicht bestimmen: auf dem Feld wächst in diesem Jahr so
viel Roggen und auf dem anderen Felde wachsen so viel Kartoffeln. Die genaue Begren-
zung der Produktion nach dem Willen des Produzenten ist aber eine wesentliche Vor-
aussetzung für die Kartellierung.““
?\ Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 54. Jahrg., 5. 706 ff.