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Zweiundzwanzigstes Buch.
Ermuntert euch, ihr blöden Sinnen,
Und macht euch in das Blumenfeld!
Die Erde geht nicht mehr im Leide,
Drum schickt die Augen in die Weide,
Drum laßt die Seele Luft gewinnen:
Zerreißt, was sie gebunden hält!
Mit diesen Versen ist Johann Christian Günther (1695 bis
17283) in jungen Jahren in die Welt getreten, eine Erscheinung
von dichterischer Urkraft, aber von einem Schicksal, an dessen
Schrecken nur wenige Erfahrungen anderer Dichter deutscher
Zunge heranreichen. Voraussetzungslos tritt er auf; wenn
auch Schlesier und anfangs von Benjamin Schmolck, dem
geistlichen Dichter, geliebkost, erinnert er doch in seinen reiferen
Gedichten durch fast nichts mehr an den Schwulst Lohensteins
und die fromme Ergebung des Schweidnitzer Pfarrherrn. In
der Tat: frisch läßt er seine Sinne schweifen; aus der Tiefe
des Herzens und der Unmittelbarkeit des Geschehnisses heraus
dichtet er, rücksichtslos bis zum Peinlichen und gottbegeistert
bis zum Bachantentum, gleichgültig, ob gesunde Gefühle oder
krankhafte Empfindungen emporwallen, ein ungeschminkter und
sanguinischer Sänger eigensten Lebens. Und er ist sich seines
Erfolges gewiß:
Mein Name dringt durch Sturm und Wetter,
Der Ewigkeit ins Heiligtum.
Aber eines fehlte ihm: „er wußte sich nicht zu zähmen,
und so zerrann ihm sein Leben und sein Dichten“. Dieser
gedankenreiche Geist von kühner Anmut und einheitlichem
Fühlen, von herber Realistik, wahrhaftig gegen sich, gegen die
Welt und Gott, war doch in seiner Wahrhaftigkeit bis zum
Blasphemischen trotzig und haßte maßlos wie er maßlos liebte.
So wurde sein Genius sein Unglück. Von Liebe zu Liebe
flüchtend, vom Vater zurückgestoßen, dem Elternhause fern,
zweimal berauscht in Augenblicken, deren Wichtigkeit für sein
äußeres Schicksal ihm bekannt war: ist er schließlich mit acht—
undzwanzig Jahren innerer Zerrüttung erlegen.
Aber was hat er gelitten unter den Wandlungen dieses
Schicksals!