Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Der Solidarismus 
Wir kommen nunmehr zur Idee der Solidarität. Die 
„Société chrétienne suisse d’Economie sociale“ hatte im Jahre 
1890 an der Universität Genf einen Vortragszyklus veranstaltet, 
der den Vertretern von verschiedenen nationalökonomischen 
Schulen Gelegenheit zur Entwicklung ihres Programmes bieten 
sollte. Frédéric Passy trug dort das Evangelium des laisser 
faire vor, Claudio Jannet brachte die Lehre Le Plays zur 
Darstellung, G. Stiegler warb für den Kollektivismus, Ch. Gide 
endlich führte die neue, an den französichen Rechtsfakultäten 
aufkommende historisch-realistische und interventionistische 
Richtung als Schule der Solidarität ein. „Die Solidarität,“ 
äußerte er damals, „ist nicht, wie die Freiheit und Gleichheit 
oder selbst die Brüderlichkeit, ein wohlklingendes Wort oder 
ein reines Ideal; sie ist eine Tatsache, eine der durch Wissen 
schaft und Geschichte am besten festgestellten Tatsachen, die 
bedeutsamste Entdeckung unserer Zeit. . . . Die Tatsache der 
Solidarität, der Interdependenz der Menschen, macht täglich 
Fortschritte: sie ist vielleicht der Fortschritt schlechthin“ 1 ). 
Gide faßt zwar die tatsächliche, in der menschlichen 
Gesellschaft gegebene Solidarität oder gegenseitige Abhängigkeit 
Anstrengung, welche zur Erzeugung eines Gutes notwendig ist, auf unser Be 
gehren einwirkt .... Wir können die Dinge schätzen, sei es wegen des Ge 
nusses, den uns ihr Besitz verschafft, sei es wegen der Anstrengung, die uns ihre 
Beschaffung gekostet hat. Ist nicht die intensivste aller Lieben, die Mutterliebe, 
aus diesen beiden Elementen zusammengesetzt? Die beiden Gefühle: 
Schätzung des Genusses, den der Besitz eines Gutes verschafft, und Schätzung 
des Opfers, das für dessen Beschaffung gebracht werden mußte, oder der An 
strengung, die dessen Ersatz eventuell nötig machen wird, sind gleichzeitig oder 
nacheinander in unserm Denken vorhanden, und zwischen beiden fliegt der Wert 
hin und her, wie der Ball zwischen zwei Raketts. Aber jedes dieser Gefühle 
ist unendlich komplex.“ Gide faßt schließlich seine Anschauung in zwei Leit 
sätze zusammen: ..Ein Gut hat um so großem Wert, je intensiver das Bedürfnis 
ist, dem es entspricht,“ und „Die Intensität dieses Bedürfnisses wächst im Ver 
hältnis zu den Genüssen, die die Menschen von dem Gute erwarten, so lange 
sie es nicht besitzen, und im Verhältnis zu den Opfern, die sie für dessen Wieder 
erlangung bringen müßten, wenn sie es verloren hätten.“ Gide, Cours d’écono 
mie politique, p. 49 fis., p. 61—62. 
9 Quatre Ecoles, p. 152. Es wäre richtiger gewesen, meint Gide später, 
eine neue Bewegung statt einer neuen Schule anzukündigen, denn alle Schulen, 
von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, haben sich seither auf die 
Solidarität berufen, und der Begriff ist Gemeingut der Nation geworden. Vgl. 
Gide et Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 677.
	        
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