fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 115 
auch zu Ende empfand, löste sich ihm die Kluft zwischen 
Patriotismus und Kosmopolitismus in der erhabensten aller 
Gleichungen. Der Deutsche sei es, so durchschnitt er, gleich 
Fichte nach ihm, den Knoten dieser Frage, der auf dem Erden⸗ 
rund zumeist, wenn nicht allein die universalen Tendenzen 
menschlicher Entwicklung in sich verkörpere: und seine Ent— 
wicklung bedeute daher die Erziehung überhaupt eines weisen 
Geschlechtes der Menschen. Darum sei deutscher Patriotismus 
umstrahlt von der Aureole des Universalen, und Kosmisches 
und Nationales falle in ihm zusammen. 
Und wer wollte leugnen, daß eine so selbstbewußte An⸗ 
sicht vom eigenen Werte vor allem geeignet war, den un— 
sterblichen Errungenschaften der Kultur des deutschen Subjek⸗ 
tivismus den Weg durch die langen Reihen der Völker zu 
hbahnen? Für die engere deutsche Welt aber ergab sich dar— 
aus neben einer Unsumme erhabener patriotischer Gefühls— 
momente an erster Stelle der Entschluß, die Freiheit und 
Sicherheit der Nation als Grundlage jedes höheren universalen 
Wirkens zu wahren: und der Dichter münzte diesen praktisch 
wertvollsten aller Gehalte seines politischen Denkens in 
Sprüchen hoher und doch volkstümlicher Weisheit aus. Welchen 
Schatz politischer Erhebung hat er damit der Nation hinter— 
lassen! Noch heute entnimmt ihnen die Nation, namentlich auch 
in ihren Tiefen, das lauterste Gold; und „Tell“ gehört zur 
verbreitetsten Lektüre, zum gernst gesehenen Schauspiel auch 
des vierten Standes. 
Vaterlandsliebe und Freiheitssinn aber sind ihrer Ent— 
wicklung nach in dem reichen Leben des Dichters nicht ohne 
inerste Beziehung. Je mehr sich die patriotische Betrachtung 
aus den engen Winkeln der Heimat zu liebevoller Umfassung 
des gesamten Vaterlandes erhob, je mehr der Dichter scharf 
sorgenden Blickes sah, wie im weiten Bereiche des nationalen 
Lebens eins durch das andere bedingt war und diese mannig— 
fache Menschlichkeit nicht bestehen konnte ohne den Dienst Aller 
an Allen: um so mehr betonte er auch die subjektivistische 
Selbsterziehung des Einzelnen im Sinne einer ästhetischen, 
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