Object: Das Jungdeutsche Manifest

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Aber gerade die mittelmäßigen und wertlosen Mitglieder einer 
Kaste pochen am stärksten auf ihre Gehobenheit gegenüber den andern. 
Sie sind die Träger des Kastendünkels. Der Kastendünkel nährt die 
Revolution gegen die Herrschaft der Kaste. Dieser Dunkel blüht um 
so mehr auf, je mehr die Herrschaft der Kaste gesichert erscheint. 
Der Kastendünkel schafft die Erregungen in allen außenstehenden 
Volkskreisen. Er schafft die Ungerechtigkeit im täglichen Leben, und 
er ruft die Leidenschaften derer wach, welche diese Ungerechtigkeiten 
erkennen oder von ihnen betroffen werden. Wenn diese Leidenschaften 
entfacht sind, wird die Isolierung der Kaste erhärtet. Diesem Schicksal 
verfiel auch die herrschende Kaste des wilhelminischen Deutschland. Ver⸗ 
ständnislos stand sie dem drängenden Werden der Nation gegenüber. 
Mit beispiellosem Unverständnis betrachtete sie die Mündigkeits⸗ 
bewegung der deutschen Arbeiterschaft. Ebenso verständnislos steht sie 
der Erhebung gegenüber, in welche das Frontgeschlecht unserer Zeit 
hineinwächst. 
Es ist der Fluch jeder Kaste, von allem kraftvollen neuen Werden 
aberrannt zu werden. Ihre Kampfart ist auf Grund ihrer Natur nur 
Verteidigung. Die Kampfart neuen Werdens aber ist auf Grund von 
dessen Natur ewig der Angriff. Der Angriff ist die Königin der 
Kampfarten, denn nur er kann Sieg bringen. 
Die ewig⸗ gleiche Taktik einer Kaste besteht darin, daß sie Recht 
und Heiligkeit der Sendung stets für sich in Anspruch nimmt. Sie 
bezeichnet sich als die Nation und ihr Wollen als national. Sie be— 
zeichnet sich als den Gestalter und Führer des Staates. Wer ihr die 
Herrschaft streitig macht, oder wer ihre heiligen Rechte anzweifelt, 
dem schiebt sie das Unrecht zu, dem spricht sie das Recht ab, die 
Nation zu vertreten und sich national zu nennen; den erklärt sie als 
Staatsfeind und Verräter. 
Wenn eine Kaste die Führung eines Landes in den Händen hält, 
wenn sie über die staatlichen Machtmittel gebietet, und wenn der 
Wohlstand der Nation den Vorwurf der Unfähigkeit nicht zuläßt, so 
ist ihre Macht unberechenbar. Jedem gewaltsamen Umsturz kann sie 
dann begegnen, wenn sie nur über das geringste Maß von Willen 
und Kraft verfügt. Wenn aber Mißerfolge, Not und Niederlagen ihrer 
Führung Unrecht geben, wandelt sich ihre Stärke in Schwäche. VBon 
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