fullscreen: 10 Jahre Wiederaufbau

für Dekorationen, Bühnenmobiliar und Requisiten. 
Max Reinhardt, getragen von dem Gedanken, alle 
mit dem Josefstädter Theater verbunden gewesenen 
Möglichkeiten wieder auferstehen zu lassen, hat den 
alten „Sträußl-Saal” zu neuem Leben erweckt, ließ 
ihn ausräumen, schuf ihn zu dem entzückenden 
Empireraum zurück, der er war, und machte ihn 
zum Foyer des neuerstandenen Hauses. Vom 
„Sträußl-Saal” führt eine Seitentür über einen Gang 
wieder in das Theater. Den Gang schmücken Bild- 
nisse jener Großen, deren Name mit der Geschichte 
des Hauses auf immerwährende Zeiten verknüpft ist: 
Beethoven, der zur Eröffnung des Theaters am 
am 3. Oktober 1822 die Ouverture „Die Weihe des 
Hauses” schrieb und dirigierte, hängt neben Raimund, 
der hier als Darsteller wirkte und dessen „Ver- 
Schwender” im Jahre 1834 erstmalig hier in Szene ging, 
an ihn schließen sich Nestroy, Grillparzer, Scholz 
und viele andere. 
Max Reinhardt hat das Theater in der Josefstadt, 
längst bevor er die Lenkung seiner Geschicke selbst 
in die Hand nahm, immer als wundervolles In- 
Strument empfunden und es als eine Zaubergeige be- 
zeichnet, als das Ideal eines Resonanzraumes, der 
die leiseste seelische, sprachliche oder mimische 
Schwingung bis hinauf zur letzten Bank der letzten 
Galerie in unverminderter Stärke trägt. Die geheim- 
sten Regungen, die das jubelnde oder schmerzdurch- 
Schüttelte Menschenherz oben auf der. Bühne 
offenbart, sie klingen in ihrer ganzen Zartheit,Keuschheit 
und Tiefe im ganzen Hause auf, Beglückung, aber 
auch schwerste Verantwortlichkeit für den sich in 
der Gestalt verströmenden Künstler. 
Diesen Raum bei allen notwendigen Veränderungen 
bedingungslos zu bewahren, ist Reinhardts unver- 
7hot. Wilinger, Wien, 
>rofessor Max Reinhardt unter seinen Schauspielern während 
einer Probe im Theater in der Josefstadt 
rücktes Ziel gewesen; er hat Wien, sein altes Josef- 
städter Theater wiedergegeben, indem er die reichen 
Quellen seiner baulichen Vergangenheit für die Er- 
aeuerung der Räume erschloß; am 1. April 1024 be- 
gann er mit seinen Schauspielern dort zu musizieren, 
DIE ÖSTERREICHISCHE LITERATUR 10918-109028 
(Prosa und Lyrik). 
Von Friedrich Schreyvogl. 
Das Wort Wiederaufbau ist nicht nur eine 
Wirtschaftliche und technische Kategorie, es drückt auch 
"echt klar aus, was in der österreichischen Literatur 
Seit 1018 geschehen ist. Wiederaufbau nach allen 
Richtungen; in die Breite allgemeinen, neu von dem 
Österreichischen Leser getragenen Erfolges; in die 
Tiefe neuer Innerlichkeit, in die Höhe neuer Ge- 
danken und neuen Ausdrucks. Der eigentliche Aus- 
Sangspunkt auch für die Rückschau 1918-1928 bleibt 
das Jahr 1014. Der Weltkrieg zählt zwar als noch 
heute nicht ausgeschöpfte Ursache tiefster geistiger 
Umwälzung, aber er hat kaum ein einziges bleibendes 
Ergebnis in der Literatur gezeitigt, bevor er zu Ende 
war, J014 also gab es eine Reihe. österreichischer 
Namen, die in ganz Europa geläufig waren. Hugo 
von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hermann 
Bahr, Richard Beer-Hofmann, Jakob Wasser- 
nann, Karl Schönherr, Rudolf Hans Bartsch. 
Sie alle haben auch nach 10918 ihrem Namen den 
'ebendigen Klang bewahrt. Bei manchen ist er ruhiger 
geworden, aber wohl auch klarer. Arthur Schnitzler 
hat mit seiner Novelle „Fräulein Else” sogar fast eine 
ınerwartete Stilform neu geschaffen, das kleine Buch 
1atte richtige Sensation geweckt. Beer-Hofmann tritt 
»ben jetzt mit dem. ersten Teil einer neuen „David”- 
Trilogie hervor; für Hermann Bahr war das Jahr- 
zehnt eine Epoche rückschauender Klärung, die mit 
lem Roman „Der inwendige Garten” auf den Höhe-
	        
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