Contents: Die deutsche Hausindustrie

112 V. Kap.: Volkswirtfchaftliche und foziale Bedeutung der Hausinduftrie 
fchichten herab, namentlich bei der grofzftädtifchen Bevölkerung, und man 
will, wenn auch nicht eigentliche Luxuswaren, |o doch Waren, die den Schein 
von folchen haben, auch in diefen Kreifen erwerben. Die Nachfrage nach 
uniformen, minderwertigen Waren ift daher eine fehr ausgedehnte. Der Haus 
induftrie bleibt noch immer ein fehr umfangreiches Gebiet. 
Immerhin würde aber die Nachfrage nach minderwertigen Waren allein 
das Beftehenbleiben der Hausinduftrie gegenüber der konkurrierenden Fabrik 
nicht hinreichend erklären. Die Fabrik könnte ja, in vielen Zweigen wenigftens, 
durch Steigerung der Quantität, ohne achtzuhaben auf eine verbefferte 
Qualität, gerade durch die befchleunigte Maffenherftellung auch bei inferiorer 
Ware das Unternehmen hinreichend rentabel geftalten. Aber die e r f t a u n- 
liche Billigkeit der Arbeitskraft und überhaupt des 
ganzen Betriebs in der Verlags induftrie gegenüber der 
Fabrikinduftrie gibt der erftern in den Augen des rechnenden Unternehmers 
einen entfehiedenen Vorzug. 
Billig find hier die Arbeitskräfte, weil fie fich in fo über 
aus grofzer Zahl anbieten und für andere lohnende Befchäftigung keine Ge 
legenheit finden. Ein Blick auf die geographifche Verbreitung 
der Hausinduftrie 1 ) überzeugt uns, dafz fie fich in grö(zerm Umfange hat feft- 
fetzen können einerfeits in gebirgigen Gegenden, anderfeits in den Grojzftädten. 
ln den Gebirgen bietet der wenig ertragsfähige und häufig übermäßig 
parzellierte Boden keine ausreichende Arbeit und Nahrung für die auch hier 
und gerade hier befonders fich mehrende Bevölkerung. Sobald aber die agra- 
rifche Bafis zu fchmal wird, find die Leute vor die Alternative des Abwanderns 
oder des Ergreifens einer hausinduftriellen Tätigkeit geftellt, da eine Fabrik im 
Ort oder in der Nähe fich feiten vorfindet. Aus Trägheit oder Heimatfinn ziehen 
fie in der Regel das Verbleiben in der Heimat vor und bieten fich dem Verleger, 
dem einzigen, der gewerbliche Arbeit ins Dorf bringt, zur Hausinduftrie an. 
Gar bald ift ein Überangebot von Kräften vorhanden, und zwar von recht an- 
fpruchslofen Kräften, da die Leute an einfache Verhältniffe gewohnt find und 
in der Landwirtschaft einen, wenn auch oft fehr fchwachen, wirtfchaftlichen 
Rückhalt haben. * 2 ) 
In der Grofzjtadt drängten bei dem immer mehr anfchwellenden 
Zuwanderungsftrome vom Lande zur Stadt allmählich auch fo viel weib 
liche Arbeitskräfte nach, da|z fie unmöglich alle im eignen Haushalte, in 
x ) Vgl. oben S. 55 ff. Vgl. außerdem A. Weber in den Sehr. d. V. f. S. 85, 
13—60 (Die Entwicklungsgrundlagen der grojzftädtifchen Frauenhausinduftrie) und 88, 
27 ff (Referat). 
2 ) Vgl. B i 11 m a n n a. a. 0. 987 ff.
	        
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