508 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1066
der Arbeit ist nur soweit von Segen für alle, als sie nicht die ärmeren zurückgebliebenen
Länder in anormaler Abhängigkeit erhält, wie einft die Engländer von Hansen, Vene—
tianern und Holländern in ihrer Schiffahrt und ihrem ganzen Handel gehalten wurden.
Es war daher ganz natürlich, daß in zwei von England in solcher Abhängigkeit
zehaltenen Ländern, in den Vereinigten Staaten und Deutschland, ein Menschenalter
nach A. Smith eine neue ebenbürtige Theorie des Schutzzolls entstand; sie geht aus
von Alexander Hamiltons Réport on NManufactures 1781 und von Friedrich Lists
Schristen 1827 1848, hauptsächlich von dessen nationalem System der politischen
Ofonomie 1841.
Alexander Hamilton, der Gehülfe Washingtons, der Mitbegründer der Verfasfung
der Vereinigten Staaten, der größte Finanzminister der Union, der die Bundesfinanzen
in Ordnung brachte, einer der größten Staatsmänner, den die Vereinigten Staaten
gehabt, wollte die fast auseinanderfallenden Einzelstaaten durch Centralisierung des
Schuldenwesens, durch eine Centralbank und ein Schutziystem zusammenhalten. Sein
praktischer Blick sagte ihm, daß die bloß agrarische Entwickelung für eine große Nation
nicht genüge; er wünschte raschere Induftrieförderung als sie der bloße Freihandel
zestatte; die Gewerbe, sagt er, steigern die Arbeitsteilung, die Maschinenanwendung,
zie Beschäftigung der Selbstthätigen, die Hebung aller Kräfte, die Ausbildung der Unter—
nehmungsformen; nur das einheimische Gewerbe schafft eine gleichmäßige, sichere Nach—
frage nach landwirtschaftlichen Produkten. Ohne besondere Hülfe sind die Schwierig⸗
eiten des Anfanges nicht zu überwinden; die Abhaltung der fremden Konkurrenz, die
Verteuerung schade nicht so viel; die innere Konkurrenz werde bald die kleinen Nachteile
zut machen. Das Wichtigste seien in bezug auf den Verkehr die Belebung, die inneren
Verbindungen, das innere Zusammenwachsen von Nord und Süd, Osten und Centrum—
Aber ein System von fördernden Prämien sei den Schutzzöllen, deren Nachteile und
chwierige Festsetzung er nicht verkennt, vorzuziehen. Zwischen England und den
Vereinigten Staaten sei keine solche Verschiedenheit, daß ein starker Austausch der
Waren jetzt vorteilhaft sei. Ein Handel der letzteren mit den alten Kulturländern Europas
önne ohne Schutz nicht billig — on equal terms — sich vollziehen. Die Vereinigten
Staaten würden — als zu unentwickelt — bei freiem Handel verarmen.
Friedrich List ist in seinen Gedanken von Hamilton beeinflußt, aber er hat
die Theorie des Schutzsystems auf breitere Grundlagen gestellt (vergl. IGS. 116-117).
Er setzt dem Individualismus und den weltwirtschaftlichen Harmoͤnieerwartungen die Be—
dürfnisse und Zwecke der nationalen Volkswirtschaft entgegen. Er geht aus von einer
Theorie des Stufenganges der Volkswirtschaft. Es folgen sich nach Ihm 1. die Periode
)es Hirtenlebens, 2. die Ackerbauperiode, 8. die Agrikultur-, Manufakturperiode, endlich
b. die Agrikultur-⸗, Manufaktur-, Handelsperiode, Stufen, die er mit der Dichtigkeit der
Bevölkerung in Verbindung bringt. Er folgert, daß die Handelspolitik auf diesen ver—⸗
chiedenen Stufen der Entwickelung verschieden sein müsse. Er verteidigt das Schutz—
iystem als Mittel der Erziehung einer Industrie in den Ackerbaustaaten, während er
ür die Zeit vorher und nachher die Vorteile des freien Handels einsieht. Daher die
Bezeichnung seiner Theorie als einer solchen der Erziehungszölle. Der Erziehungszoll
ist ihm aber nur ein Teil der für die entsprechende Periode nötigen sonstigen großen
volkswirtschaftlichen Reformen, wie er z. B. die Durchführung eines nationalen Ver—
ehrs- und Eisenbahnsystems, eine nationale Marine, ein nationales Banksystem als
ergänzende Glieder fordert. Kommt so List zu einer historischen Volkswirtschaftslehre,
o hat er nicht minder die psychologischen und sittlichen Ursachen der wirtschaftlichen
äntwickelung ins Auge gefaßt und in ihr Recht neben Preiserscheinungen und dem
dapitalvorrat wieder eingesetzt. Er sieht ein, daß nicht die Kapitalmenge über die
Produktionsentwickelung so entscheide, wie Smith glauble. Und er betont, daß zeit⸗
weilige Wertverluste durch Schutzzollverteuerung zurücktreten können, wenn dafür die
produktiven Kräfte der Nation, die Intelligenz und Moralität der Menschen, die Ge⸗
hicklichteiten und technisch-wirtschaftlichen Keuninisse, die ötonomisch-gesellschaftlichen
kinrichtungen an Kraft, Vollkommenheit und Wirksamkeit wachsen. Mit dieser Theorie