132 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 6
In Wirklichkeit zeigt die deutsche Erhebung von 1907 bei größerem Einkommen
fast durchgängig auch größere Kopfzahl. Bei den Beamtenfamilien erklärt sich dieser
Parallelismus zum Teil aus den Alterszulagen des Gehalts; er findet sich aber auch
bei den Arbeiterfamilien Q, obwohl hier der Arbeitsverdienst der Eltern mit zu
nehmendem Lebensalter wahrscheinlich sinkt * 2 ) und der Miterwerb der Kinder erst
bei den größten Familien ins Gewicht fällt.
Der Berliner Kommunalstatistiker Schwabe hat 1868 ein dem Engelschen
analoges „Gesetz“ für die Wohnungsausgabe formuliert: je kleiner
das Einkommen, um so größer die Wohnungsausgabenquote. Doch bedarf dieses
Gesetz einer dreifachen Einschränkung. Erstens gilt es wahrscheinlich nicht für die
Bewohner von Schlafstellen, über deren Haushalt wir noch wenig wissen. Zweitens
gilt es nur innerhalb der einzelnen Kommune oder gleichartiger Kommunen; da
gegen ist in der Kleinstadt auf gleicher Einkommensstufe die Wohnungsausgabe
wesentlich niedriger als in der Großstadt, und die ländlichen Wohnungsausgaben
sind überhaupt schwer unter eine Regel zu bringen. Drittens sinkt die Wohnungs
ausgabe mit steigendem Einkommen nicht ununterbrochen, sondern der repräsen
tationspflichtige Mittelstand muß für die Wohnung (ebenso wie für die Kleidung)
relativ viel ausgeben und dafür in der Nahrung sich einschränken 3 ). Erst von einer
gewissen Untergrenze an, die je nach den Umständen etwa zwischen 1000 und 5000
Mark Einkommen liegt, scheint innerhalb der einzelnen Ortskategorie das Gesetz
Schwabes zu gelten, natürlich nur bei genügender Massenbeobachtung 4 ).
Mit zunehmendem Einkommen sinkt ferner die Quote der Ausgabe für Hei
zung. Es steigt dagegen die Quote aller der Ausgaben, bei denen der ent
behrliche Wertteil in die Wagschale fällt. Dahin gehört schon der Aufwand für
Kleidung und V erkehrsmittel, auch Getränke und Reiz
mittel der Ernährung; der Kleidungsaufwand steigt auch bei sozial gehobener
Stellung aus Repräsentationsrücksichten; bei allen kommt jedoch auf den höheren
Einkommensstufen die Steigerung vielfach zum Stillstand oder nimmt wieder ab,
auch wenn der absolute Ausgabenbetrag noch zunimmt; zum Zeichen, daß die Be
friedigung dieser Bedürfnisse sich ihrer Grenze nähert, wenn auch nicht in dem
Maße wie bei den erstgenannten Existenzbedürfnissen. Unentwegt steigt die Quote
der Ausgaben für Ersparnis und wohl auch V er Sicherung; am schnell
sten die für Erziehung, die gleichfalls der Zukunft dient, und für persön
liche Dienste. Es prägt sich darin einmal die noch immer zurückgebliebene
Entwicklung des Zukunftssinns aus, der erst bei reichlichem Einkommen sich einiger
maßen Geltung verschafft, und andererseits die spezifische moderne Teuerung per
sönlicher Dienste, die eine Befriedigung dieses mit großer Stärke auftretenden, aber
elastischen Bedürfnisses auf eine schmale Elite beschränkt. Für eine Mannigfaltigkeit
anderer Ausgaben: für Unterhaltung, Vergnügen und varia wird sich eine ähnliche
x ) Die durchschnittliche Jahresausgabe betrug
bei 49 Arbeiterfamilien mit 2 Köpfen 1718 Mark
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Das erhöhte Einkommen zweiköpfiger Arbeiterfamilien erklärt sich vermutlich aus dem
hier noch ungehinderten Miterwerb der Frau.
2 ) Zu erschließen aus der Tabelle auf S. 24* der Publikation.
3 j Vgl. auch Pohle in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft N. F. III, S. 121 f.
4 ) Nach gewissen statistischen Erhebungen (Hamburg, Breslau) scheint es sogar, als ob
bei wachsender städtischer Grundrente das Schwabesche Gesetz sich immer schärfer auspräge.
Vgl. Reichsarbeitsblatt 1911, S. 365 f.: Einkommen und Miete in einigen deutschen
Großstädten.