fullscreen: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

694 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
walt; nur ein kriegerischer Austrag der Erbfolgefrage schien 
noch denkbar. 
Aber mußte dieser nicht sofort alle großen Mächte in seine 
Strudel ziehen? Wie waren die Generalstaaten an dem Be— 
stande eines evangelischen, Frankreich am Bestande eines nicht⸗ 
habsburgischen Niederrheins interessiert! Das Haus Habs— 
burg aber sah jetzt einen seiner Erzherzöge als Statthalter in 
den südlichen Niederlanden, einen anderen als Gewalthaber in 
Jülich: dem Kaiser wie Spanien war es gleich wichtig, diese 
Positionen zu halten. Die protestantische Union in Deutschland 
endlich war längst auf die Seite der Anwärter ihres Bekennt⸗ 
nisses getreten, und die Liga, obgleich an sich dem Niederrhein 
ferner stehend, war doch wegen des Kölner Erzstifts und des 
bayrischen Prinzen Ernst auf seinem Stuhle auch in den Dingen 
des Nordwestens keineswegs mehr völlig gleichgültig. 
All diese Gegensätze großer und kleiner Art fanden nun 
aber recht eigentlich ihren Mittelpunkt in Frankreich. Noch 
einmal zeigte es sich, daß Frankreich das Herzland der Nationen 
des mittelalterlich civilisierten Europas war. König Heinrich IV. 
sah sich ohne weiteres im centralen Bereiche der widerstreitenden 
Bestrebungen Spaniens, Italiens, Osterreichs, Deutschlands, 
Belgiens und Englands. Er allein konnte die Habsburger in 
Spanien und Italien angreifen; er allein fast konnte England 
dem Bunde der nordischen Protestanten erfolgreich zuführen. 
So war es die große Frage des Jahres 1609, ob er die Jülicher 
Erbfolgesache zur Entzündung eines großen Krieges, wie es 
später der dreißigjiährige geworden ist, und damit zur Lösung 
der schon aufs äußerste gespannten Gegensätze Europas aus— 
nützen werde. 
Heinrich, der joviale Realpolitiker auf dem französischen 
Throne, ging mit jener biederen Hinterhaltigkeit, in der er 
Meister war, vorsichtig, tastend, schließlich entschieden dieses 
Wegs. Er setzte den grimmigen Feind der Habsburger, den 
Herzog Karl Emanuel von Savoyen, einen Mann von dem 
leidenschaftlichen Lebenszug des Cinquecento, in Bewegung, 
damit er, nach Süden vorbrechend, einen Keil in die spanisch—
	        
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