87
fettigen, die dadurch entstanden, daß das Gleichgewicht zwischen
Angebot und Nachfrage gestört war, und hoffte durch zahlreiche,
zum Teil bis in Einzelheiten gehende Vorschriften, die den Er
zeugern, Verbrauchern und dem Handel gemacht wurden, eine
erträgliche Versorgung der Bevölkerung zu erschwinglichen Preisen
erreichen zu können, scheute aber davor zurück, die Ware selbst
anzufassen, in größerem Umfang in die Hand zu nehmen und zu
verteilen. Zuerst wurde diese Auffassung beim Brotgetreide durch
brochen, nach und nach, wenn auch zögernd, folgte die Bewirt
schaftung der anderen Hauptnahrungsmittel: Fleisch, Kartoffeln,
Fette, Zucker, Eier, Hülsenfrüchte, Futtermittel und andere. Es
zeigte sich eben, daß nur, wer die Ware in der Hand hat, ihren
Preis mit Sicherheit regeln, ihre angemessene Verteilung sicher
stellen kann. Sollte und konnte man beim Gemüse
ebensoweit gehen? Die Bedeutung, die das Gemüse für
die Ernährung erlangt hatte, würde das wohl gerechtfertigt haben,
ebenso wie die unzureichenden Ergebnisse, die man mit den bis
her ergriffenen Mitteln erzielt hatte. Aber hier boten sich eineni
so weitgehenden Eingriff denn doch ganz besondere Schwierig
keiten.
Zwar wäre eine Beschlagnahme des Gemüses —
abgesehen natürlich von den leicht verderblichen Früh-
gemllsesorten — wohl allenfalls durchführbar, wenn ihr auch
die mannigfachsten Hindernisse im Wege sein würden. Es sei
nur an die große Zahl verschiedener und durchaus nicht in gleicher
Weise verwendbarer Sorten, die fast das ganze Jahr hindurch an
dauernden Ernten, die leichte Verderblichkeit, die mangelnden
statistischen Unterlagen und die schwierige Handhabung des Ge
müses erinnert. Ganz undurchführbar aber muß eine g e -
rechte Verteilung erscheinen, die zwangsläufig einer Er-
fassung würde folgen müssen. Ist es schon bedenklich, allen
Menschen das gleiche Maß an Fleisch, Kartoffeln, Zucker und Fett
zuzuweisen, so ist dies sicher bei Gemüse unniöglich. Hier ist der
Bedarf so verschieden, die einzelnen Sorten besitzen so verschiedene
Vcrwertungsmöglichkeiten — man denke an Weißkohl, der sowohl
frisch wie als Sauerkraut verwendet wird —, die Mengen fallen
zeitlich und örtlich so verschieden an, daß irgendein auch nur an
nähernd gerechter Verteilungsschlüssel weder aufgestellt noch durch
geführt werden könnte. Hier mußte zwischen den beiden entgegen
gesetzten Standpunkten, auf der einen Seite lediglich Höchstpreis-
bestimmung und allgemein regelnde Maßnahmen und auf der an
deren Seite Beschlagnahme und Verteilung, ein Mittelweg