fullscreen: Die russische Weltanschauung

digen Wahrheit doch nicht ebenbürtig ist. Die tiefsten und bedeutend- 
sten Gedanken und Ideen wurden in Rußland nicht in systematischen, 
wissenschaftlichen Werken, sondern in ganz anders gearteten literari- 
schen Formen ausgesprochen. So haben wir bekanntlich eine von 
tiefen philosophischen Lebenseinsichten durchdrungene schöne Litera- 
tur: außer den allgemein bekannten Namen von Dostojewski und 
Tolstoi erinnere ich nur noch an Puschkin, Lermontow, Tjutschew, 
Gogol; die eigentliche literarische Form des russischen philosophischen 
Schaffens aber ist der freie literarische Aufsatz, der nur selten aus- 
drücklich einem bestimmten philosophischen Thema gewidmet, gewöhn- 
lich eine Gelegenheitsschrift ist, die, an irgendein ganz konkretes Pro- 
blem des geschichtlichen, politischen oder literarischen Lebens an- 
knüpfend, nebenbei die tiefsten und wichtigsten Fragen der Weltan- 
schauung behandelt. Solcher Art sind zum Beispiel die meisten Werke 
der Slawophilen (deren Führer, wie Chomjakow und Kizejewsky, zu 
den bedeutendsten und originellsten russischen Denkern gehören), 
ihres Hauptgegners Tschaadajew, des genialen Denkers Konstantin 
Leontjew, Wladimir Solowjew und anderer mehr. 
Diese typische literarische Form der russischen Weltanschauungs- 
lehre ist nicht nur durch äußere historische Umstände und Traditionen 
bedingt. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß sich darin die 
Jugendlichkeit, sozusagen die äußere Unreife des russischen Geistes 
abspiegelt, und wenn auch, wie gesagt, in den letzten Dezennien die 
Tendenz wächst, die Grundlagen der nationaleigentümlichen russi- 
schen Weltanschauung in systematische, logisch - begrifflich streng 
durchdachte Formen zu bringen, so hängt doch die bis jetzt vorherr- 
schende freie und außerwissenschaftliche Form des philosophischen 
Schaffens bis zu einem gewissen Grade mit dem — weiterhin zu 
schilderndem — Wesen der russischen Weltanschauung selbst zusam- 
men. Hier genügt es, vorläufig festzustellen, daß die russische Philo- 
sophie in einem viel höheren Grade, als die westeuropäische, eben 
Weltanschauungslehre ist, daß ihr Wesen und Hauptziel niemals in 
reiner Theorie, im interesselosen Begreifen der Welt allein, sondern 
immer in einer religiös-emotionalen Sinngebung des Lebens besteht, 
und daß sie also nur von diesem Standpunkte aus, durch Vertiefung 
in ihre religiös-weltanschauliche Wurzel begriffen werden kann. 
Am leichtesten dringen wir zu einem wirklichen Erfassen und zu 
einem inneren Verständnis der russischen Weltanschauung, der typi- 
schen Eigentümlichkeiten des russischen Geistes vor, wenn wir sie 
mit den vielleicht uns besser bekannten und weniger fragwürdigen 
Figentümlichkeiten anderer nationaler Denkungsarten vergleichen. 
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