Der Wertunterschied in den Inhalten des BEwWuSsISeiNS. 497
zieht, zu sprechen. Bei Malebranche dagegen wird die logische
Grundtatsache des Wertunterschiedes zu einem Unterschiede des
Seins und des Ursprungs. Man kann verfolgen, wie die „Idee“
bei ihm immer deutlicher ein selbständiges Eigenleben annimmt,
wie das Geschöpf sich zum Schöpfer wandelt. Auf sie geht nunmehr
alle Wirksamkeit über, die er den Dingen wie dem menschlichen
Geiste versagt hatte. Bei aller Wahrnehmung sind es
nicht die Körper selbst, sondern die Idee der intelligiblen Auslehnung,
die auf uns einwirkt und unsere Seele berührt und
umgestaltet”) Solche Kraft eignet ihr von ihrem göttlichen
Ursprung: denn nur was in Gott und unmittelbar mit seinem
Wesen verbunden ist, besitzt wahrhaft schöpferisches Vermögen.®)
Man hat Malebranches Begriff der intelligiblen Ausdehnung
mit Kants Begriff der reinen Anschauung verglichen:
und in der Tat besteht, wenn man lediglich die sachlichen
Bestimmungen über das Verhältnis des Einen unendlichen Raumes
zu den besonderen Gestaltungen und Begrenzungen gegen
einander hält, zwischen beiden eine auffallende Uebereinstimmung.“)
Die spiritualistische Raumtheorie ist hier, wie in anderen
geschichtlichen Ausprägungen, die sie gefunden hat, der
Vorläufer der idealistischen Lehre geworden. Dennoch bleibt in
der Grundabsicht und in der allgemeinen Gedankenrichtung ein
unverkennbarer Gegensatz bestehen; was bei Kant aus dem
Grunde und Gesetze des Selbstbewusstseins hervorgeht, das müssen
wir bei Malebranche als ein Aeusseres und Gegebenes ergreifen.
„Si nous ne pouvions voir les figures des Corps quen nous-m6-mes,
elles nous seroient ... inintelligibles; car nous ne nous
connoissons pas. Nous ne sommes que tenebres A Nnous-memes;
il faut que nous nous regardions hors de nous pour nous voir‘%0)
Der Satz, dass die Seele sich selbst „unbegreiflich“ ist, zeigt hier
seine innere Gefahr und Zweideutigkeit. So wertvoll er sich erwies,
um die metaphysische Forschung nach dem Wesen des Ich,
ım die rationale Psychologie abzuwehren: er versagt gegenüber
dem echten und tieferen Begriff des Cartesischen „Selbstbewusstseins“,
Denn besitzen wir nicht eben in den objektiven Grundmethoden
der Wissenschaft unser „Selbst“ in aller Klarheit und
Ursprünglichkeit? —
Es ist sachlich lehrreich und aufklärend, von hier aus auf
a9