358 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
2. Die Gefahren des Industriestaates?)
Von Karl Oldenberg.
Dldenberg, Deutschland als Industriestaat. Vortrag. Göttingen, vandenhoeck nnd
Ruprecht, ;8Y7. S. 6 und S. 3(—33.
Jede Volkswirtschaft ist ein Organismus, der seinen Schwerpunkt in sich selbst
zu gewinnen sucht. Dieser Schwerpunkt aber hängt ab von einem gewissen Gleich
gewicht der Bestandteile. Vor zwei bis drei Menschenaltcrn war Deutschland noch
beinahe Agrarstaat. Die Industriefabrikate, deren es bedurfte, tauschte es großenteils
vom Auslande, namentlich von England und Frankreich, unvorteilhaft ein. Da begann
die große Agitation für Schaffung einer eignen Industrie Deutschlands. Friedrich List,
der große Schuhzöllner, verglich die deutsche Volkswirtschaft mit dem Körper eines
arbeitenden Mannes, der nur einen natürlichen Arm besitzt, die Landwirtschaft, und
auf der andern Seite, für seinen industriellen Bedarf, sich mit einem künstlichen Arm
behelfen muß. Er wollte, daß dieser deutsche Mann sich seinen zweiten natürlichen
Arm wachsen lassen sollte, und wies neidisch auf den englischen Nachbar hin, der
damals zwei Arme hatte. Inzwischen ist England unversehens soweit fortgeschritten,
daß es heute wieder nur einen Arm hat, nur auf der andern Seite wie früher. Es
braucht für seinen landwirtschaftlichen Bedarf den künstlichen Arm der Getreideeinfuhr.
Einen großen Staat mit nur einem industriellen Arm, wie England heute, kannte man
damals überhaupt nicht. Man strebte zur Vollständigkeit, zur Zweiarmigkeit, zur volks
wirtschaftlichen Selbständigkeit. So lenkte auch Deutschland in diejenige Bahn ein,
die man als die des wirtschaftlichen Fortschritts anzusehen gewöhnt ist; es wurde zunächst
zweiarmig und schritt dann dazu fort, seinen alten Arm verkümmern zu lassen. And
wie auf Kommando folgten die andern Staaten in dieser Selbstverstümmelungsprozedur mit.
Indes das Bild ist in einer Beziehung irreführend, das List damals brauchte.
Die beiden Arme, der landwirtschaftliche und der industrielle, sind nicht gleichwertig,
sondern der landwirtschaftliche, der jetzt verkümmernde, ist der unendlich wichtigere und
unentbehrlichere; ohne Industrie kann man leben, aber nicht ohne Nahrungsmittel.
Machen wir auch das uns anschaulich. Wenn man eine Nation für sich isoliert ins
Auge faßt, aus der Weltwirtschaft herausgelöst, so ist es klar, daß sic in erster Linie
Landwirtschaft treiben muß, um zu leben. Ist die Landwirtschaft so ergiebig, daß die
landwirtschaftliche Bevölkerung über ihren eignen Nahrungsbedarf hinaus noch einen
Überschuß von Nahrung gewinnt, so kann von diesem Überschuß eine industrielle
Bevölkerung im Lande ernährt werden, die mit ihren Fabrikaten die für sie disponiblen
Nahrungsmittel kauft. Die Größe der Industriebevölkerung, die eine solche isolierte
Natton ernähren kann, wird also genau bestimmt durch den Überschuß an Nahrung,
den die landwirtschaftliche Bevölkerung über ihren eigenen Bedarf hinaus dem vater
ländischen Boden abzugewinnen im stände ist. Wenn eine Landbevölkerung von 30
Millionen Nahrung für 50 Millionen produziert, so können 20 Millionen von Industrie
und sonstigen Berufsarten leben. Die Volkswirtschaft ist verglichen worden einem
Etagenbau: das starke Erdgeschoß ist die Landwirtschaft und trägt den industriellen
Äberbau, die obere Etage, auf seinen Schultern. Solange noch unbebauter Boden
verfügbar ist, kann das Erdgeschoß ausgebaut werden bis an die Landesgrenze, und
das verbreiterte Erdgeschoß kann eine entsprechend verbreiterte industtielle Etage ttagen.
*) vgl. zu diesen Ausführungen den folgenden Aufsatz von Heinrich Dietzel „Über die
Bedeutung einer Industrialisierung der heutigen Rohstoffstaaten für die Erportindnstiie Englands,
Deutschlands usw." 5. 36z-36S. — G. IH.